Emil Fuchs und die Anfänge des Christlichen Arbeitskreises im Friedensrat
der Deutschen Demokratischen Republik1a
Vorbemerkung
Diese
Publikation über Emil Fuchs und die Anfänge des Christlichen Arbeitskreises im
Friedensrat der Deutschen Demokratischen Republik ist eine Gelegenheitsschrift.
Zwei Gedenktage, auf die wir uns im Sommer 1963 vorzubereiten begannen, regten
mich Ende vergangenen Jahres an, das Thema zu bearbeiten: der 90. Geburtstag
des Nestors der protestantischen Theologie in Deutschland am 13. Mai 1964 und
der 15. Jahrestag der Gründung der Weltfriedensbewegung im April. Die
Orientierung auf diese beiden Daten bestimmte den Aspekt, unter dem ich
geschrieben habe, und begrenzte ihn zugleich.
Vielleicht
kann der Aufsatz trotz dieser eingeschränkten Perspektive über den Tag und den
unmittelbaren Anlaß hinaus auch der grundsätzlichen Besinnung und dem Gespräch über
das rechte Friedenszeugnis der Christen in unserer Zeit dienen. Diese Besinnung
und dieses Gespräch werden, wie wir alle hoffen, 1964 durch die II.
Allchristliche Friedensversammlung in Prag neue Dimensionen gewinnen.
Wenige
Wochen später haben wir zwei „Jubiläen ohne Jubel“ zu begehen: Am 1. August
sind fünfzig Jahre seit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges vergangen, und am
1. September jährt sich zum 25. Male der Tag, an dem der deutsche Faschismus
die Welt in das Inferno der zweiten globalen Kriegskatastrophe stürzte. Öffnen
wir uns dem Ruf zur Metanoia, wollen wir die an diese Daten fixierte
Vergangenheit unseres Volkes und unserer Kirche wirklich bewältigen so
verpflichtet uns das, eine Ordnung der Welt und eine Struktur der Gesellschaft
schaffen zu helfen, deren Axiome Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit,
Friedenswille und Verständigungsbereitschaft sind. Als wir, Christen aus beiden
deutschen Staaten, vor fünf Jahren über „Neues Ethos und Friedensordnung“
sprachen, stellten wir einmütig fest:
“Wir
würden schuldig, wenn wir abermals den Namen Christi dazu mißbrauchten,
Frontbildungen irgendwelcher Art zu rechtfertigen, statt uns von ihm dazu
befreien zu lassen, unter dem Gebot der Nächstenliebe nach dem Maße
menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens Recht und Frieden zu suchen.
Darum treten wir ein für eine vernünftige Politik und unterstützen eine solche
Politik durch unser Wort und Handeln, wo immer wir dazu Gelegenheit haben.
Vernünftige
Politik ist heute darauf gerichtet:
den
kalten Krieg zu beenden, auch gegen den Widerstand derer, denen er nützt, den
durch tiefe Interessengegensätze der Mächte gefährdeten Frieden durch eine auf
Verträgen beruhende Friedensordnung zu sichern, die keine Nation vergewaltigt,
jedem Volk volle Sicherheit bietet und Raum für zukünftige friedliche
Entwicklung läßt.
Wir
meinen, daß das deutsche Volk und die Regierungen der beiden deutschen Staaten
eine besondere Verantwortung und spezielle Möglichkeiten haben, eine solche
Politik zu fördern.
Vernünftige
Politik muß heute in Deutschland darauf gerichtet sein, den Kräften ihren
politischen Einfluß zu nehmen, die unser Volk und die Völker der Welt bereits
zweimal in furchtbare Kriege gebracht haben. Damit wäre ein wesentliches
Hindernis der friedlichen Wiedervereinigung beseitigt. Vernünftige Politik in
Deutschland muß zuerst darauf bedacht sein:
Verhandlungen
zwischen den Regierungen der beiden deutschen Staaten mit dem Ziel einer
schrittweisen Wiedervereinigung herbeizuführen; keine Kernwaffen und
Abschußbasen für diese Waffen auf deutschem Boden zu dulden; beide deutschen
Staaten aus den Militärbündnissen herauszulösen und in eine atomwaffenfreie Zone
einzugliedern.
Die
Regelung dieser besonders Deutschland betreffenden Fragen hat eine weit über
Deutschland hinausgehende Bedeutung. Gelingt es an einer weltpolitisch so
exponierten Stelle, wie in unserem Lande, aus einem Spannungszentrum ein Gebiet
der Verständigung und freundschaftlichen Begegnung zu machen, so muß das für
die Weltpolitik weitreichende Konsequenzen haben.“
Diese
Sätze haben seitdem nichts an Aktualität verloren. Sie enthalten auch das
„Programm“ des Christlichen Arbeitskreises. In ihnen ist die Essenz seiner
Prinzipien und seines Wollens formuliert. Das soll im folgenden gezeigt werden.
Nach meiner Überzeugung hat die Weltfriedensbewegung wesentlich dazu
beigetragen, daß in der Weltchristenheit heute keine Frage so leidenschaftlich erörtert
wird wie die nach der Authentizität des Glaubens, nach der Aktualisierung des
biblischen Friedensethos und nach dem Kriterium für die Glaubwürdigkeit
kirchlicher Verkündigung. Tiefe Differenzen sind an diesen Punkten
aufgebrochen, und ernste Kontroversen haben sich an ihnen entzündet – auch
unter Christen die in der Beurteilung politischer Tatbestände weithin übereinstimmen.
Der Christliche Arbeitskreis im Friedensrat der Deutschen Demokratischen
Republik hat immer versucht – zuweilen unzulänglich, fehlerhaft, nicht
gründlich oder geduldig genug, das wird niemand bestreiten, der in dieser
Arbeit steht, aber er hat es versucht –, diese Differenzen und Kontroversen in
einen fruchtbaren Dialog zu transformieren. Ein Mißverständnis, das bei der
Lektüre des Aufsatzes auftreten könnte möchte ich von vornherein abwehren.
Möglicherweise entsteht der Eindruck, hier würde eine Art „Prophetie nach
rückwärts“ betrieben. Ich kann, nur sagen: Es war genau so, wie es hier
dargestellt worden ist. Tatsächlich ist es frappierend, wenn man Sich die
Einzelheiten der Entwicklung vergegenwärtigt, aber auch wenn man die Summe
zieht, sehr die Theologen die im Christlichen Arbeitskreis politische Diakonie
zu üben sich bemühten, mit ihren vor zehn und fünfzehn Jahren abgegebenen
Urteilen recht behalten haben. Mir lag nichts ferner, als eine „Hagiographie“ dieser
Veteranen des Friedenskampfes zu schreiben: Doch bekenne ich mich offen zu
einer bestimmten Tendenz: Ich meine nämlich, daß es gut wäre, wenn man in der
Kirche wenigstens jetzt auf die Analysen achtete, auf die Warnungen hörte und
die Prognosen gewissenhaft durchdenken würde, die die gleichen Männer (oder
ihre Schüler) heute artikulieren, deren frühere Analysen, Warnungen und
Prognosen vom Gang der Entwicklung bestätigt wurden.
In
den ersten Jahren seiner Tätigkeit hat der Christliche Arbeitskreis in einem
Zirkel operieren müssen, der von kirchenpolitisch bestimmten Tabus und
magischen Strichen umgrenzt war. Davon ist in dieser Schrift nur ungenau und am
Rande die Rede. Bei der Niederschrift ist mir stark bewußt geworden, einen wie
großen Mangel es bedeutet, daß die kirchliche Entwicklung in Deutschland nach
1945 noch nicht gründlich untersucht und zusammenhängend dargestellt worden
ist. Ich bin Günter Wirth sehr dankbar, daß er mir das noch nicht
veröffentlichte Manuskript einer Untersuchung zur Verfügung stellte, in der er
die Grundlinien und -strukturen dieses Entwicklungsprozesses analysiert hat.
Auch eine Darstellung der Geschichte der deutschen Friedensbewegung m den
Jahren von 1949 bis 1962 gibt es leider noch nicht.
Den
ersten Entwurf dieser Arbeit haben meine Freunde Pfarrer em. Bruno Theek,
Domprediger Karl Kleinschmidt und Prof. Dr. Gerhard Kehnscherper gelesen. Alle
drei stehen seit 1949/50 in der Weltfriedensbewegung. Sie haben auch den
Christlichen Arbeitskreis mitbegründet. Für ihre kritischen Annotationen und
für ihre freundschaftlichen Hinweise, die sie mir für die endgültige Fassung
des Manuskripts gaben, möchte ich ihnen auch an dieser Stelle herzlich danken.
Einige
Passagen dieser Arbeit wurden in der Festschrift „Ruf und Antwort“ zum 90.
Geburtstag von Emil Fuchs veröffentlicht (S. 201 ff.).
Berlin,
am 1. März 1964
Walter
Bredendiek
Während
der Görlitzer Konferenz des Christlichen Arbeitskreises im Deutschen
Friedensrat, im November 1961, bekannte Emil Fuchs, daß es die Friedensbewegung
gewesen sei, wo ihm zum erstenmal in voller Klarheit bewußt geworden wäre, daß
er in der Deutschen Demokratischen Republik seine Heimat gefunden habe. „Ich
denke zurück an die Zeit vor etwa zehn Jahren“, sagte er, „als ich zum
erstenmal auf einem Friedenskongreß in der DDR geredet habe … und als mir dort
die begeisterte Zustimmung der ganzen Tagung entgegenkam, da wußte ich, daß ich
meine Heimat gefunden hatte … Weil ich wußte, hier sind die vielen Menschen,
mit denen ich ein Ziel habe, mit denen ich eine Arbeit habe und mit denen ich
also zusammengehöre.“[1]
Heute
können viele Christen in der Deutschen Demokratischen Republik Emil Fuchs
diesen Satz abgewandelt zurückgeben und ihm dankbar versichern: Daß die
Friedensbewegung zu unserer geistigen Heimat wurde, daß wir immer besser
begreifen lernten: der Kampf für eine Welt ohne Waffen und Krieg, für eine
dauerhafte, auf Vertrauen und Verträge gegründete Friedensordnung ist die
wichtigste Voraussetzung für die Re-Integration des Menschen, dafür, daß er
Person werden, Eigenwert und Würde gewinnen kann, das verdanken wir zu einem
entscheidenden Teil Emil Fuchs, seinem Beispiel und seiner Lehre.
Emil
Fuchs ist seit 1950 in vielen Gremien der Friedensbewegung tätig gewesen. Er
war einige Jahre Vorsitzender des Universitäts-Friedenskomitees an der
Karl-Marx-Universität und Mitglied des Bezirksfriedensrats Leipzig. Auf dem 2.
Deutschen Friedenskongreß im November 1952 wurde er in den Deutschen
Friedensrat gewählt, dessen Mitglied er bis heute ist. Längere Zeit gehörte er
auch zum Präsidium des Deutschen Friedensrates. Die Vorträge, die er bis zur
Reorganisation der Friedensbewegung im Frühjahr 1962 in allen Teilen der DDR
auf Einladung von Kreis-, Orts-, Betriebs- und Schulfriedensräten hielt, sind
buchstäblich nicht zu zählen. Kein Kreis war ihm je zu klein, kein Weg zu weit,
keine Anstrengung zu groß, als daß er nicht zu denen gegangen wäre, die ihn
riefen, um ihnen die Botschaft des Friedens, der Gerechtigkeit und Versöhnung
auszurichten.
Seine
stärkste Anteilnahme jedoch galt in allen diesen Jahren dem Christlichen
Arbeitskreis im Deutschen Friedensrat. Ihn hat er entscheidend mitgeprägt, ihm
hat er zu der Richtung und Form verholfen, die ihn heute kennzeichnen. In
diesem Kreis sind viele von uns zum erstenmal von seiner Größe, seiner Kraft
und seinem Zeugnis getroffen worden. Dort hat er uns gelehrt, immer besser zu
begreifen, daß uns Christen hinter dem Kampf für den Weltfrieden „die
Wirklichkeit dessen aufleuchtet, der der Menschheitsgeschichte Sinn und Ziel
gegeben hat“.[2]
Wie
der Christliche Arbeitskreis im Friedensrat der DDR entstand, soll im
folgenden. skizziert werden. Dabei beschränken wir uns auf die Vorgeschichte
und die Anfänge des Arbeitskreises bis zu seiner 3. Konferenz in Weimar am 11.
Dezember 1953.
I.
Seit
der Gründung der deutschen Friedensbewegung waren an ihrer Arbeit Theologen
beteiligt. Am 10. Mai 1949 konstituierte sich in Berlin das Deutsche Komitee
der Kämpfer für den Frieden[3], dem zunächst 41
Persönlichkeiten angehörten, darunter der katholische Kirchenhistoriker Erzpriester
Prof. Dr. Max Rauer (damals Forst/Lausitz) und der Schweriner Domprediger Karl
Kleinschmidt. Letzterer wurde auch Mitglied des am gleichen Tage nominierten
dreizehnköpfigen Arbeitsausschusses. Beide hatten bereits der deutschen
Delegation auf dem 1. Weltfriedenskongreß in Paris (20.-25. April 1949)
angehört.
Die
Frage, wie Theologen in größerer Zahl für die Unterstützung der Friedensbewegung
gewonnen werden könnten, wurde jedoch während der ersten Beratungen des
Komitees nur gelegentlich und auch dann ziemlich oberflächlich erörtert. Zwar
hatte Albert Norden bereits am 14. März 1949, bei der ersten Besprechung zur
Gründung eines „Deutschen Organisationskomitees für den Pariser
Weltfriedenskongreß“, an, der er als Vertreter der VVN teilnahm, die Hoffnung
ausgesprochen, „daß es möglich sein werde, besonders viele Repräsentanten der
katholischen und der evangelischen Kirche für das Vorhaben zu gewinnen“, und
betont, er glaube, es könne gar nichts Besseres geschehen, „als wenn die
Vertreter der Kirche eine höchst aktive Anteilnahme (an der Friedensbewegung)
entwickeln und den Platz einnehmen, der ihnen zukommt“.[4] Doch wurde dieser Hinweis
kaum beachtet. Karl Kleinschmidt beanstandete das auf der 6. Plenartagung des
Friedenskomitees am 3. April 1950, wobei er sich auf die von Abbe Jean Boullier
vor dem Plenum des Stockholmer Völkerkongresses gehaltene Rede bezog, fand aber
für seinen Appell, der Gewinnung von Christen für die Friedensbewegung mehr
Aufmerksamkeit zu widmen, kein Echo.[5]
Eine
Wende leitete die erste große Aktion der Weltfriedensbewegung ein, die
Unterschriften-Kampagne für den am 19. März 1950 verabschiedeten Stockholmer
Appell zur Achtung der Atomwaffen. Sie auch in der DDR durchzuführen, hatte das
Deutsche Komitee der Kämpfer für den Frieden auf seiner 7. Plenartagung am 21.
April 1950 beschlossen. Teils spontan, teils von lokalen Friedenskomitees um
ihre Mithilfe gebeten, beteiligten sich im ganzen Lande zahlreiche Theologen,
Synodale und andere Glieder der christlichen Gemeinden an der
Unterschriftensammlung. Welche Möglichkeiten das eröffnete, um die Basis der
Friedensbewegung zu verbreitern, begriffen die damaligen Mitarbeiter des
Sekretariats in Berlin jedoch nicht. Infolgedessen fehlen alle statistischen
Unterlagen, aus denen man genaue Zahlen entnehmen könnte über den Grad der
Anteilnahme, den die Christen in der DDR einem zentralen Problem der
Weltfriedensbewegung entgegenbrachten, als es zum erstenmal in der Form einer
an jeden einzelnen gerichteten Entscheidungsfrage gestellt wurde.
Das
wichtigste Ergebnis der Kampagne für den Stockholmer Appell, soweit die
Vorgeschichte des Christlichen Arbeitskreises davon berührt wird, bestand
darin, daß sich in einigen Ländern der DDR lose Arbeitsgemeinschaften von
Pfarrern bildeten die von Zeit zu Zeit zusammenkamen, um Fragen zu erörtern,
die mit der Friedensarbeit zusammenhingen. Besonders aktiv waren diese Gruppen
in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Sie hatten zunächst kaum Verbindung
untereinander und gar keine zum Berliner Sekretariat des Friedenskomitees.
Am
27. Juni 1950 fand in Dresden die erste größere Konferenz der sächsischen
Friedenspfarrer statt, an der 52 Theologen teilnahmen, die das Thema „Der
Friede als theologisches Problem“ diskutierten. Karl Kleinschmidt und Prof. D.
Johannes Herz hielten die einleitenden Referate. Herz konnte bei dieser
Gelegenheit bereits darauf hinweisen daß in der DDR „in letzter Zeit in den
Zeitungen aller politischen Parteien eine ganze Reihe von Bekenntnissen
einzelner Pfarrer aller Konfessionen zum Einsatz für den Frieden
veröffentlicht“ worden sei.[6]
Drei
Tage nach dieser Zusammenkunft, am 30. Juni 1950, fand in Berlin die 8.
(erweiterte) Plenartagung des Friedenskomitees statt, an der auch der Präsident
der DDR Wilhelm Pieck, teilnahm. Sie beschloß, eine vielfältig gegliederte
Organisation aufzubauen, überall in der DDR und in Westdeutschland die Gründung
von Schul- und Betriebs-, Orts-, Kreis- und Landesfriedenskomitees anzuregen,
und markierte so die erste wesentliche Zäsur in der Geschichte der deutschen Friedensbewegung
nach dem zweiten Weltkrieg.[7] Auf ihr entwickelte Heinz
Will mann, der kurz zuvor zum Generalsekretär gewählt worden war, ein gründlich
durchdachtes Programm zur Verbesserung der Arbeit.
Willmann
brachte für seine neue Aufgabe große politische und organisatorische
Erfahrungen mit. Er hatte 1945 zusammen mit Johannes R. Becher den Kulturbund
zur demokratischen Erneuerung Deutschlands aufgebaut und war fünf Jahre lang
Generalsekretär dieses bedeutsamen Zentrums humanistischer Künstler und
Intellektuellen gewesen. Er erkannte sofort, welch gravierender Fehler es
gewesen war daß die Friedensbewegung bisher die personellen und geistigen
Reserven ignoriert hatte, die es für sie unter den Theologen an den
Universitäten, in den Städten und Dörfern der DDR gab. So ging er denn bereits
in seinem Referat am 30. Juni 1950 auf die Dresdener Theologenberatung ein, bei
der „in einzelnen Berichten wertvolle Beiträge für unsere Arbeit gegeben“ worden
seien. Diese Anregungen und die ihnen zugrunde liegenden Erfahrungen müßten von
der Friedensbewegung ausgewertet, genutzt und verallgemeinert werden.[8]
Daraufhin
wurde in dem von der 8. Plenartagung beschlossenen Arbeitsplan festgelegt: „Es
ist mehr als bisher Wert darauf zu legen, daß friedliebende Geistliche aller
Konfessionen in der Friedensbewegung und für den Stockholmer Appell sichtbar
hervortreten.“[9] Und auf der 9. Plenartagung des Friedenskomitees am 15. September 1950,
die sich mit der Vorbereitung des 1. Deutschen Friedenskongresses
beschäftigte, betonte Willmann erneut: „Vor allem müßte es gelingen, Geistliche
und Vertreter von Kirchenvorständen in größerer Zahl zur Teilnahme an unserem
Kongreß zu bewegen.“[10]
Diese
Mahnungen konnten natürlich nicht mit einem Schlage die Lage verändern. Doch
fielen sie manchenorts sogleich auf fruchtbaren Boden. Das zeigte sich bei der
im Sommer und Frühherbst 1950 durchgeführten Wahl der Delegierten für den
Ersten Kongreß der deutschen Kämpfer für den Frieden, der am 4. und 5. November
1950 in der Berliner Staatsoper stattfand (später gezählt als 1. Deutscher
Friedenskongreß). An ihm nahmen 42 evangelische und einige katholische
Theologen teil, deren genaue Zahl sich jedoch nicht mehr feststellen läßt. Bei
der Neuwahl des Friedenskomitees, das nunmehr 88 Mitglieder aus der DDR und Westberlin
umfaßte, wurden auch zehn Geistliche in das höchste repräsentative Gremium der
deutschen Friedensbewegung berufen – außer den bisherigen Mitgliedern Rauer und
Kleinschmidt u. a. Landessuperintendent Werner (Schwerin), Lic. Gerhard Kehnscherper
(damals Pfarrer in Bad Freienwalde), der reformierte Pfarrer August de Haas
(Dresden) und der katholische Geistliche Karl Fischer (damals Pfarrer in
Neustrelitz).
Unter
den Delegierten, die knapp zwei Wochen nach dem 1. Deutschen Friedenskongreß
die deutsche Friedensbewegung auf dem 2. Weltfriedenskongreß in Warschau vom
16. bis 22. 11. 1950 vertraten, befanden sich drei evangelische Theologen. Sie
waren auch an der Beschlußfassung über den ersten Aufruf beteiligt, der auf
einem Weltfriedenskongreß nach 1949 verabschiedet wurde und sich speziell an
die Christen wandte.[11] Einer von ihnen, D.
Johannes Herz, langjähriger Generalsekretär und Vorsitzender des
Evangelisch-Sozialen Kongresses, der uns bereits als Referent auf der Dresdener
Konferenz begegnet war, gehörte zu den zehn Deutschen, die dort Mitglied des
Weltfriedensrates wurden. (Die anderen waren: Johannes R. Becher, Anna Seghers,
Arnold Zweig, Helene Weigel-Brecht und Prof. Dr. Hans Ertel aus der DDR; Erwin
Eckert, Walter Diehl, Edith Hoereth-Menge und Hein Fink aus Westdeutschland).[12]
Bei
der konstituierenden Sitzung des Deutschen Friedenskomitees am 9. Dezember 1950
wurde Prof. Dr. Walter Friedrich, damals Rektor der Humboldt-Universität in
Berlin, zum Präsidenten, Johannes Herz – neben Adolf v. Hatzfeld (Bad
Godesberg), Hein Fink (damals Vorsitzender des Betriebsrats der Deutschen Werft
in Hamburg und Abgeordneter der Bürgerschaft), Edith Hoereth-Menge (damals
SPD-Stadtverordnete in München), Anna Seghers und Arnold Zweig – zu einem
seiner sechs Stellvertreter gewählt.[13]
So
erfuhr die Repräsentanz der in der DDR lebenden Christen in den deutschen und
internationalen Spitzengremien der Friedensbewegung während der letzten Monate
des Jahres 1950 eine bemerkenswerte
Erweiterung. Das hatte natürlich programmatische .Bedeutung, spiegelte jedoch auch
schon die vertiefte theologische Behandlung der Friedensfrage in den erwähnten Arbeitsgemeinschaften
der Friedenspfarrer wider, die im Sommer 1950 begonnen hatte und deren erste
Zusammenfassung auf dem 1. Deutschen Friedenskongreß im November erfolgte. Die
42 protestantischen Theologen unter den Delegierten verabschiedeten bei einer
Sonderberatung am ersten Konferenztag eine Grundsatzverlautbarung, durch die
die gemeinsame Plattform bezeichnet wurde, auf der – unbeschadet ihrer
theologisch, historisch oder konfessionell bedingten Meinungsverschiedenheiten – diejenigen evangelischen
Theologen standen, die sich bis zu diesem Zeitpunkt in beiden deutschen Staaten
der Friedensbewegung angeschlossen hatten.
Diese
„Erklärung aller auf dem Ersten Kongreß der Deutschen Kämpfer für den Frieden
anwesenden evangelischen Geistlichen“[14] ist heute kaum noch
bekannt. Das ist angesichts der vielen seither von Christen verfaßten Worte,
Appelle und Aufrufe zum gleichen Thema verständlich. Man muß sie jedoch dieser
ungerechtfertigten Vergessenheit entreißen, denn ihre Autoren können für sich
das Verdienst in Anspruch nehmen, die ersten Theologen in Deutschland gewesen zu
sein, die die prinzipielle Bedeutung der Friedensfrage für die Glaubwürdigkeit
und Konkretion evangelischer Verkündigung in unserer Zeit erkannt und
artikuliert haben.[15] Theologisch sauber
durchgearbeitet, klar gegliedert, den Bedürfnissen des Tages ebenso gerecht
werdend wie den hinter ihnen stehenden grundsätzlichen Fragen nach der
christlichen Existenz im 20. Jahrhundert, enthält die Erklärung Formulierungen von
großer Prägnanz und bleibendem Wert.
Sie
umfaßt vier Teile. Ausgehend vom Bekenntnis zum christlichen Widerstand in der
Zeit des Faschismus „gegen die zum zweiten Weltkrieg treibenden Kräfte“,
bezeichnet sie die Remilitarisierung Westdeutschlands als den Punkt, an dem
sich der Christ nicht nur zu einer politisch vernünftigen, sondern auch zu
einer christlich und theologisch gebotenen Entscheidung gerufen sehe:
„Wir
auf dem Ersten Deutschen Friedenskongreß versammelten evangelischen Geistlichen
wissen uns durch die Friedensbotschaft Jesu Christi zu ernstlichem Widerstand gegen
die wachsende Kriegsgefahr berufen und bitten alle Christen in Deutschland
eindringlich, in dieser bedrohlichen Lage ihre Christenpflicht zu bedenken.“
(I)
Sodann
nimmt die Erklärung positiv Bezug auf das im April des gleichen Jahres von der
Synode der EKD in Weißensee beschlossene und seitdem heftig umstritten gewesene
Friedenswort. In ihm waren die Kriege „Gerichte Gottes“ genannt worden. Dem
stimmt die Verlautbarung zu, konkretisiert und lokalisiert aber die vieldeutige
Formel. Dadurch wurde sie für die Polemik gegen die Friedensbewegung
unbrauchbar gemacht – was erklärtermaßen die Absicht eines Teils der Synodalen
gewesen war – und zugleich in den Rang geistlicher Hilfe für praktisches
Handeln erhoben:
„Kriege
sind Gerichte über das Verhalten, aus dem sie entstehen. Kriege sind Gerichte
über die Unordnung die sie gebiert. ‚Gott ist nicht ein Gott der Unordnung,
sondern des Friedens’ (1. Kor. 14,33). Gott ist wider die Unordnung, die Kriege
entfesselt. Wer Frieden will und Christen müssen ihn wollen –, muß der Welt zu
einer Ordnung helfen, in der Frieden möglich ist.“ (II)
Nicht
„Frieden“ zu nennen, was nur ein labiler Status quo ist, aus dem in jedem
Augenblick ein neuer schrecklicher Krieg hervorbrechen kann, sondern eine
Ordnung zu errichten, die ihn ausschließt – diese Notwendigkeit wird nun
ebenfalls in ihrer theologischen Relevanz verdeutlicht. Das geschieht durch die
Bestandsaufnahme dessen, was der zweite Weltkrieg an Verwüstung hinterlassen
hat. Sie wird abgeleitet aus den Erfahrungen, die jeder Geistliche damals in
seiner täglichen seelsorgerlichen Arbeit zu machen hatte:
“Wir
stellen fest, daß ein Drittel unserer Konfirmanden ihre Väter im Kriege
verloren haben. Wir stellen fest, daß unzählige Ehen nicht zerrüttet und
zerstört wären, wenn sie der Krieg nicht zerrüttet und zerstört hätte. Wir
stellen fest, daß fünf Millionen Frauen ehelos leben müssen, weil der Krieg
ihnen Mann oder Verlobten gestohlen hat. Wir stellen fest, daß unsere
kirchliche Jugendarbeit vergeblich sein würde, wenn unsere Jugend wieder zum
Kriege verführt und im Krieg vernichtet wird. Wir stellen fest, daß die Taufe
von Kindern sinnlos wird, wenn wir sie nicht vor der Gewalt lebenstörender
Kräfte zu bewahren vermögen. Der Krieg ist der Feind aller unserer kirchlichen
Arbeit. Wir erklären ihm den Krieg. Die Sklaverei ist gefallen, die
Leibeigenschaft ist gefallen, die Hexenprozesse sind nicht mehr, auch der Krieg
muß fallen und wird fallen.“ (III)
Aus
dieser dreigliedrigen – kirchengeschichtliche, exegetische und pastoraltheologisch-diakonische
Überlegungen miteinander verbindenden – Prämisse wird schließlich im letzten
Teil der Erklärung (IV) eine Wegweisung für die Friedensarbeit der Kirche
abgeleitet, die an Klarheit das Wort der Weißenseer Synode wesentlich übertrifft:
“Was
kann die Kirche für den Frieden tun?
Sie
fördert den Frieden, indem sie die, die noch an den Krieg glauben, zur Buße und
.zur Besinnung ruft über das, was zu unserem Frieden dient.
Sie
fördert den Frieden, indem sie klar und eindeutig das Evangelium Jesu Christi
als Botschaft der Versöhnung, des Friedens und der Brüderlichkeit verkündigt.
Sie
fördert den Frieden, indem sie fatalistische und neutralistische Auffassungen
bekämpft, die sich religiös begründen, ohne in der Heiligen Schrift begründet zu
sein.
Sie
fördert den Frieden, indem sie ihre Glieder zu aktivem und ernstlichem
Eintreten für den Frieden anhält und anleitet.
Sie
fördert den Frieden, indem. sie sich mit allen Kräften des Friedens gegen den
Krieg verbündet.
Die
Kirche ist berufen, der Welt um Jesu Christi willen zu verkünden: ‚Friede auf
Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.’
Dieser
Botschaft glauben und sie glaubwürdig verkündigen, heißt im zwanzigsten
Jahrhundert:
Kampf
für den Frieden im Bunde allen, die guten Willens sind!“
II.
Hätten
die Kirchen, hätte wenigstens die Mehrheit der evangelischen Theologen in
Deutschland sich an dieser Erklärung orientiert – die ganze kirchliche
Entwicklung seit 1950 und wahrscheinlich ein gutes Stück deutscher Nachkriegsgeschichte
wären anders verlaufen. Obwohl der Historiker sich auf den Bericht über das
beschränken soll, was gewesen ist und wie es war, kann man diesen Gedanken hier
nicht unterdrücken. Um welche Entscheidung es damals für die Kirche ging, das
hat Emil Fuchs anderthalb Jahre nach der Verabschiedung der Berliner Erklärung
in der Alternative ausgedrückt:
„Es
ist allerhöchste Zeit, daß die Christen und ihre Kirchen … eine eigene nur der
neutestamentlichen Botschaft entsprechende Haltung gewinnen, um so wirksame
Kräfte im Dienst des Friedens zu werden. In dem Augenblick, wo sie sich hierauf
besinnen würden, wäre die große Frage der heutigen Geschichte gelöst. Die
gewaltige Macht christlichen Glaubens würde sie sofort entscheiden. Umgekehrt
steht hier auch das Problem, ob die Kirchen in ihrer heutigen Form noch Träger
echtens Glaubens sein können und sein werden. Wenn Sie dieser zweiten
Entscheidungsfrage, die vom Marxismus ihnen gestellt wird, wieder ausweichen,
werden sie ebenso sicher das Ohr. der Menschheit endgültig verlieren, wie sie
es wiedergewinnen könnten, wenn sie in diesem Augenblick als die entscheidende
und den Ausschlag gebende Macht hervortreten und die Menschheit von Ihrem
schrecklichsten Alpdruck befreien würden.“[16]
Freilich
– „die“ Kirche hatte sich 1950 schon gegen die evangelische Neubesinnung und
für die Restauration entschieden. „Der Kreis sogenannter christlicher Menschen,
der durch die Katastrophe nicht nur in Angst gejagt wurde sondern wirklich
erschüttert und erneuert ist hat sich als sehr klein erwiesen“, hatte Emil
Fuchs im Oktober 1949 in Oktober 1949 in seinem berühmten Brief an Kurt
Schumacher geschrieben, mit dem er seine Übersiedlung nach Leipzig begründete:
„Die
Massen der Christen und ihrer Geistlichen sind nach dem Abflauen der Angst in
das alte gutbürgerliche Christentum zurückgesunken, das nun Politikern die
Möglichkeit gibt, die Aufrichtung neuer Klassenherrschaft aus Rückkehr zum
Christentum zu bezeichnen … Für einen ernsthaften Christen ist es ein bedrückendes
Schauspiel, mitzuerleben, wie selbstverständlich leitende Kreise der Kirche
dartun, daß ihre Haltung von 1945 nur Konjunktur war und sie gewillt sind,
ebenso mit der öffentlichen Meinung des Bürgertums hin- und herzuwanken wie von
1918 bis 1933 …"[17]
Es
ist erstaunlich, mit welcher Schärfe Emil Fuchs bereits damals die Lage
erkannte, obwohl er aus einer begrenzten Perspektive urteilen mußte. Er stand
ja gleichsam „draußen vor der Tür“, die Kirche der Restaurationsplaner hatte
für den Mahner und Warner und für seinen prophetischen Ruf nach 1945 so wenig
Raum wie zwischen 1918 und 1933.[18]
Doch
gab es 1950 noch Ansatzpunkte und Möglichkeiten den verhängnisvollen Weg wieder
zu verlassen. In diesem Jahr scherten Niemöller und Heinemann aus der Einheitsfront
der kirchlichen Restauration aus, von der die beginnende Remilitarisierung
Westdeutschlands teils gefördert, teils bagatellisiert, teils übersehen wurde.
Die Kräfte aus der Bekennenden Kirche, die den Kampf gegen Hitler nicht nur aus
Gründen kirchlicher Selbstbehauptung, sondern führte in seinem Brief „Fürchtet
euch nicht!“ sieben Gründe geführt hatten, begannen sich neu zu sammeln. Karl
Barth auch aus antifaschistischen und antimilitaristischen Motiven gegen die
westdeutsche Remilitarisierung an.[19] Vor allem aber war in den
evangelischen Gemeinden die Situation noch weithin offen.[20]
In
diese Lage hinein schickten die auf dem ersten deutschen Friedenskongreß
versammelten evangelischen Pfarrer ihren mahnenden Ruf. Induktiv, mutuo
colloquio, aus einer „Allianz in der Aktion“ gewonnen und consolatione fratrum
bestimmt, besaßen die Thesen eine starke Integrationskraft. Daß diese nicht
voll wirksam wurde, hatte neben einigen subjektiven Ursachen, die wir hier
übergehen, vor allem einen im Charakter der Friedensbewegung liegenden
objektiven Grund. Die Verfasser der Erklärung waren durch die gemeinsame Arbeit
in der Friedensbewegung und durch das kollektive Engagement an einem profanen
Sachproblem zusammengeführt worden. Sie hatten die Lösung dieses Problems nach
Kräften gefördert, aber sie waren dabei auf Fragen gestoßen, die nicht
pragmatisch, sondern nur theologisch zu klären waren. Es mußte dies auch um der
Effektivität des Friedenskampfes willen geschehen, um die Durchschlagskraft
ihrer Argumente zu erhöhen, die Basis zu
verbreitern und aus anderen Gründen mehr, die alle eminent wichtig waren. Sie
ließen sich aber nur lösen, ja waren überhaupt nur zu formulieren, wenn die
Grenzen überschritten wurden, die die Friedensbewegung sich aus guten Gründen
und mit vollem Recht – eben um der gleichen Effektivität ihrer Arbeit willen –
gezogen hatte. Walter Dignath hat diese Selbstbegrenzung ausgezeichnet
beschrieben:
„Die
Gründung des Weltfriedensrates erfolgte – im Gegensatz zu den pazifistischen
Vereinigungen – nicht auf der Grundlage einer gemeinsamen Ideologie, sondern – unabhängig
von den verschiedenen Ideologien – als Zweckvereinigung all derer, die einen
dritten Weltkrieg verhindern wollen. Während die traditionellen
Friedensbewegungen in der Idee des Friedens wurzeln, von der gemeinsamen Idee
her also eine gemeinsame Friedensarbeit leisten, beschränkt sich der
Weltfriedensrat auf die politische Praxis zur Verhütung des nächsten Krieges.“[21]
So
gab und gibt es in der Friedensbewegung kein Urteilen über den Wert einer Ideologie
an sich, sondern nur den „Erweis der Kraft“, der aus den verschiedenen
Ideologien hineinströmt in den gemeinsam geführten Kampf für den Frieden. Dieser
Grundsatz bestimmt auch die Haltung der Weltfriedensbewegung zu den
christlichen Kirchen. Sie sah und sieht in ihnen Träger geistiger und moralischer
Potenzen, die für den Friedenskampf nutzbar zu machen eine pragmatische Notwendigkeit
ist. Sie erwartet, daß die Kirche sie dadurch unterstützt, daß sie ihren
Gliedern. ein gutes Gewissen macht, in die Friedensbewegung hineinzugehen. Mit
Hilfe welcher Theologumena das geschieht, geht sie dagegen nichts an. Dabei
wird häufig als selbstverständlich vorausgesetzt, daß die Kirchen dies ohne
weiteres leisten könnten und würden, und je ferner mancher verantwortliche
Mitarbeiter der Friedensbewegung persönlich der Kirche steht, desto
selbstverständlicher wurde und wird das oft von ihm angenommen. Man stilisiert
die Auffassung der Weltfriedensbewegung etwas, aber man karikiert sie nicht,
wenn man sagt: Sie ist allein an der Aktivität des einzelnen oder einer Gruppe
bei der Mitarbeit zur Lösung der gemeinsam festgelegten begrenzten Ziele
innerhalb der Bewegung interessiert – sie ist dagegen desinteressiert an den
Motiven, die sie in die Friedensbewegung hineingeführt hatten.[22]
Die
Christen in der Friedensbewegung konnten das als methodisches Arbeitsprinzip
respektieren. Aber sie konnten sich nicht mit dieser Beschreibung des Problems
zufriedengeben, wenn damit der Anspruch verbunden war, alles über die Frage
„Kirche, Christenheit und Friede“ gesagt zu haben, was dazu zu sagen wäre. Sie
hörten in der Friedensbewegung nicht auf, Christen zu sein. Natürlich galt das
für jeden Mitarbeiter der Friedensbewegung hinsichtlich seiner sonstigen
Bindungen in Klassen, Gruppen und Verbänden. Zuweilen ist gesagt worden, auch
die Mitglieder der kommunistischen und Arbeiterparteien hörten in der
Friedensbewegung nicht auf, Sozialisten zu sein, dennoch sähen sie die
Friedensbewegung nicht als Plattform an für Diskussionen oder Aktionen
zugunsten der sozialistischen Revolution; man könne nicht sehen inwiefern das
Problem für Christen prinzipiell anders gelagert sein sollte. Aber diese
Parallele läßt sich darum nicht ziehen – und in den ersten Jahren nach der Gründung
der Friedensbewegung, von denen hier die Rede ist, war das noch weniger möglich
als heute –, weil die Prämissen nicht zu vergleichen sind. Es ist vom Programm
seiner Partei und von deren allgemeiner Politik her ausgeschlossen, daß ein
Kommunist sich durch die Arbeit in der Friedensbewegung in Gegensatz stellen
könnte zu dem „Verband“, durch den seine Existenz primär definiert ist. Er
würde aufhören, Kommunist zu sein, wenn er aufhört, für den Frieden zu kämpfen.[23] So verficht er in der
Friedensbewegung zwar nicht das ganze Programm seiner Partei, nicht einmal
jeden Punkt der in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Komplex „Krieg und
Frieden“ steht. Er ist überzeugt, daß der Sieg des Sozialismus in allen Ländern
der Erde den Krieg unmöglich machen würde, daß dieser Sieg die stärkste
Friedensgarantie wäre. Aber in der Friedensbewegung stehen auch Menschen die
diese Meinung nicht teilen. Darum gehört für den Weltfriedensrat diese Frage zu
den Adiaphora, darum beschränkt er sich auf den Kampf für die Durchsetzung der
Koexistenz. Aber weil jede Forderung der Friedensbewegung dennoch zugleich eine
Forderung ist, die auch von den kommunistischen Parteien vertreten wird, kann
es für Kommunisten in der Friedensbewegung niemals zu „Loyalitätskonflikten“
kommen.
Die
Christen, besonders in Deutschland und besonders in den ersten zehn Jahren nach
dem Ende des zweiten Weltkrieges, befanden sich dagegen in einer völlig anderen
Lage. Bekannten sie sich zu den Grundsätzen der Friedensbewegung und traten sie
für sie ein, so sahen sie sich häufig in ihren eigenen Kirchen ungreifbaren,
aber darum nicht weniger wirksamen Inquisitionsgerichten gegenüber. Besonders
galt das für den Theologen. Beteiligte er sich an den Aktionen der
Friedensbewegung, so setzte er sich damit fast immer in einen schroffen
Gegensatz zur kirchlichen Hierarchie zu Bischöfen, Kirchenleitungen und
Konsistorien. Ihnen gegenüber mußte er ständig nachweisen, daß die
ungewöhnliche Entscheidung, die er getroffen hatte, im Evangelium und in den
Bekenntnissen begründet und nicht etwa praktischer Ausdruck einer Irrlehre war.
Für ihn genügte es nicht, davon überzeugt zu sein, daß er mit seinem Eintreten
für die Friedensbewegung eine vernünftige und zweckmäßige Entscheidung getroffen
hatte; er sah sich immer zugleich auch vor die Wahrheitsfrage gestellt. Da er
im allgemeinen aber nicht nur die Kirchenleitungen, sondern auch die
traditionelle Theologie gegen sich hatte, befand sich ein solcher Theologe in einer
sehr schwierigen Situation. Er mußte gleichsam im Alleingang versuchen, eine
Theologie des Friedens aus Schrift und Bekenntnis zu erheben, die besser
begründet war als alle Kriegstheologie, die die Tradition von anderthalb
Jahrtausenden für sich hatte.
Es
war mehr als billig, es war geradezu schamlos, wenn die gleichen Leute sich
über Mißgriffe und Fehler, die bei diesem Bemühen um die Wahrheit und um das
rechte Friedenszeugnis vorkamen, mokierten, die jene Theologen allein ließen,
die dem Auftrag, pacifici zu sein, in der von der Atombombe bedrohten Welt
nachkommen wollten – ganz abgesehen davon, daß wohl auch noch in der „verkürztesten“
Berufung auf ein Wort der Schrift, durch das ein solcher Pfarrer die Friedensgesinnung
fördern wollte, mehr vom Geiste Jesu zu spüren war als in den Kriegspredigten
und existentialistischen Kriegsrechtfertigungen, die die nunmehrigen Bischöfe
Dibelius im ersten und Lilje im zweiten Weltkrieg veröffentlicht und mit denen
sie die Gewissen verwirrt hatten. – Wir wollen hier nur zwei Beispiele anführen
in denen sich die Situation sehr handgreiflich widerspiegelt, der sich die in
der Friedensbewegung mitarbeitenden Theologen zunächst gegenübersahen.
Zwei
Jahre nach dem Kriege veröffentlichte Helmut Thielicke – dessen Rolle im Zuge
der verschärften Aufrüstung in Westdeutschland, besonders seitdem die atomare
Bewaffnung der Bundeswehr angestrebt wird, sich inzwischen immer mehr derjenigen
angeglichen hat, die Gottfried Traub im ersten Weltkrieg in der
„Vaterlandspartei“ übernommen hatte – Vorträge, die er 1943/44 in Stuttgart
gehalten hatte. Sie sind, notdürftig der antifaschistischen Konjunktur
angepaßt, eine einzige Polemik gegen die „Verdiesseitigung“ des Evangeliums,
auch und vor allem gegen die Aktualisierung seines Rufes zu Gerechtigkeit,
Frieden und Versöhnung. Die Friedensbewegung existierte noch gar nicht, an die
Remilitarisierung Westdeutschlands dachte im Ernst noch kaum ein Mensch, da anathematisierte Thielicke bereits
jene und erteilte dieser prophylaktisch Absolution; wobei er den Anspruch
erhob, „ein Wort der Kirche“ zu sprechen. Er dekretierte:
„Die
Zwangsläufigkeit und Unvermeidlichkeit der Kriege beruht auf der Natur des
Menschen, der eben nicht aus seiner Haut schlüpfen oder über seinen Schatten
springen kann. Im Kriege und gerade in der Zwangsläufigkeit des Krieges verrät
und offenbart sich der Mensch. So verkünden es Christus und Antichristus. Nur
die liberalen Wolkenkuckucksheimer in der Mitte zwischen beiden meinen es
anders. Sie sind trunken von ihrer Humanitätsträumerei und verliebt in das Bild
des Edelmenschen. Sie wissen nichts von Schuld und von der Ausweglosigkeit und
Gottverlassenheit des Menschen, der an tausend Ketten gebunden liegt. Darum,
halten sie den Krieg für irgendeine Entgleisung des Menschen die man vermeiden könnte.
Darum halten sie auch den biblischen Realismus, der von Krieg und
Kriegsgeschrei bis ans Ende spricht und die furchtbare Gebundenheit des
Menschen kennt, für eine überwundene Barbarei …“[24]
Es
hatte sich also auf beiden Seiten nichts geändert, bei den Kriegstheologen so
wenig wie bei denen, die in der Nachfolge der Ketzer- und Schwärmerlinie standen,
die sich als Unterströmung durch die ganze Kirchengeschichte zieht und die
nicht ausgerottet werden konnte, so oft und so brutal die Konstantinisten in
Kirche und Staat das auch versuchten weil in ihr etwas aufleuchtete von der
Reich-Gottes-Verheißung der Schrift und weil sie das Wort von der „kleinen
Herde“ für sich hatte. Es hatte sich nichts geändert, seit Martin Rade 1927 in
einem Vortrag über „Die Verpflichtung der Kirche zur Friedensarbeit“ erklärte:
„…
Aber wenn wir so die Losung ‚Nie wieder Krieg!’ als zweideutig und unpraktisch
aus schlichter Besonnenheit uns nicht aneignen können, so noch viel weniger die
entgegengesetzte: ‚Niemals Friede!’ Und das ist nun leider ein Ruf, der
gerade auch in den christlichen Kirchen zu Hause ist. Zwar begegnet er uns wohl
selten als Forderung. Selten; aber doch! … Nein was ernstem
Friedenswillen innerhalb der Kirchen am hinderlichsten entgegentritt, ist der
Glaube an einen Krieg der währen müßte bis ans Ende der Tage. Es ist gerade
eine ausgesprochen biblisch begründete Frömmigkeit die dem ‚Frieden auf
Erden’, wenn er kommen will, in den Weg tritt. In der Bibel ist Offenb. Joh.
20, 8 jenseits noch des tausendjährigen Reichs ein furchtbarer Krieg prophezeit
… Mit dieser Vision wird von den Christen, die sich als bibelgläubig für
besonders gute Christen halten jeder Pazifismus totgeschlagen … Dieses Hemmnis
des Friedenswillens innerhalb der Kirchen muß von einem besseren christlichen
Bibelglauben schonungslos überwunden werden.“
Rades
Argumentation im einzelnen zu referieren, ist hier nicht der Ort. Er schließt
mit der Aufforderung an die Theologen und Gemeinden:
„Genug,
der unevangelische, ungläubige Biblizismus darf die Kirchen an ihrer
Verpflichtung zur Friedensarbeit nicht einen Moment irremachen.“[25]
Das
zweite Beispiel betrifft eine scheinbar unbedeutende Randerscheinung, die aber
charakteristisch dafür ist, wie die in der Friedensbewegung stehenden Theologen
oft in kirchlichen Körperschaften beurteilt wurden. Wenn von ihnen die Rede war
so geschah das – nach Berichten von Zeugen derartiger Vorgänge selbst in
Konventen – mit stehenden Epitheta durch die man Abwehrreaktionen gegen sie zu
provozieren versuchte. „Friedenspfarrer“ war ein solcher Begriff, der negative
Reflexe auslösen sollte. Es müßte einmal im Zusammenhang untersucht werden, wo
das Wort aufkam und wer es zuerst als magische Abwehrformel verwandte. Es ist
bedauerlich, daß die Theologen, denen das Wort als Schimpfname und Ketzerhut
angehängt werden sollte, es nicht als Selbstbezeichnung annahmen. (Geschichte
und Kirchengeschichte liefern genügend Beispiele dafür, wie aus einem zur
Diffamierung erfundenen Scheltnamen ein Ehrenprädikat wurde; so war es bei den
Geusen, den Hugenotten, den Quäkern.) Sie hätten dadurch ohne langatmige
Begründung deutlich machen können, in welcher Tradition sie standen und gegen
welche Verhöhnung der Kirche Jesu Christi, gegen welchen Mißbrauch seines
Namens sie sich wandten. Lange vor dem ersten Weltkrieg war der damalige 2.
Vorsitzende der Deutschen Friedensgesellschaft, Stadtpfarrer Otto Umfrid in
Stuttgart, von Amts“brüdern“ als „Friedenshetzer“ denunziert worden, und zu den
Diffamierungen Bertha von Suttners als „Friedensbertha“, „Friedensfurie“ usw.
hatten Pastoren und Kirchenzeitungen mehr als nur ein Scherflein beigetragen,,[26] Wie mußte es um eine
Kirche bestellt sein, deren Leitungen und deren Amtsträger es weithin als
Sensation empfanden, wenn einer von ihnen die Seligpreisung vereirenopoioi, der
Friedensstifter, nicht als Aufforderung verstand, relativierende Kommentare zur
Rechtfertigung derer zu schreiben, die Raubkriege planten und führten, sondern
als Ruf Jesu an ihn persönlich, in der Welt, in die er hineingestellt war,
Frieden stiften zu helfen! Wer das Wort „Friedenspfarrer“ diffamierend oder
auch nur ironisch gebrauchte, qualifizierte sich damit selbst und sprach das
Urteil über den ganzen Weg der Kirche im konstantinischen Zeitalter. – Karl
Kleinschmidt sagte später einmal:
„Der
Deutsche Friedensrat hat wahrhaftig viel Geduld … darangesetzt, die kirchlichen
Amtsträger der Deutschen Demokratischen Republik wieder und immer wieder zur
Mitarbeit im Deutschen Friedensrat … einzuladen. Gekommen sind nicht die
kirchlichen Respektabilitäten, sondern, um es im Bilde des Gleichnisses vom
königlichen Mahl zu sagen, die von den Hecken und Zäunen. Die kirchlichen
Respektabilitäten entschuldigten sich zunächst mit andersweitiger dringender
Abhaltung, und dann bei nochmaliger Einladung damit, daß man es ihnen unmöglich
zumuten könnte, sich mit denen von den Hecken und Zäunen an einen Tisch zu
setzen … Inzwischen haben viele von ihnen an Adenauers Tafel Platz genommen und
Partei ergriffen für eine Politik, die vor Tische ‚Wiedervereinigung in
Freiheit’ hieß und nach Tische ‚Befreiung der Ostzone und Wiedergewinnung der
Ostgebiete’ genannt wird. Vorläufig gibt es an dieser Tafel noch kaltes Buffet,
und es mag sein, daß die hohen Herren danken, wenn heiße Platten serviert
werden. Vorläufig jedenfalls können wir kaum damit rechnen, daß sie in größerer
Zahl an unserer Friedenstafel Platz nehmen werden.“
Weiter
sagte Kleinschmidt:
„Es
besteht (bei einigen Kirchenleitungen) die ausgesprochene Tendenz, den
Deutschen Friedensrat dazu zu veranlassen, sich vom Christlichen Arbeitskreis
für den Frieden scheiden zu lassen, nicht, weil man selbst eine Ehe mit dem Deutschen
Friedensrat eingehen möchte, sondern weil man Ehen von Geistlichen mit der
Friedensbewegung für Mesalliancen hält. Das ist der entscheidende Grund dafür.“
Der Christliche Arbeitskreis würde sich mit Freude auflösen, wenn das die
Kirchenleitungen dazu veranlassen könnte, sich an der Arbeit der
Friedensbewegung zu beteiligen. „Seine Aufgabe wäre in dem Augenblick"
erfüllt, in dem diese Aufgabe von den Kirchenbehörden übernommen wird. Aber wir
fürchten, daß es bis dahin noch gute Weile hat.“[27]
Im
übrigen läßt sich auf dies alles cum grano salis anwenden, was Walter Dignath
im Schlußkapitel seines instruktiven Buches „Kirche – Krieg – Kriegsdienst“
festgestellt hat:
„Die
Geschichte zeigt, daß das ‚Christentum’ der Doppelideologie von Mammon und Mars
nicht standgehalten hat; sie zeigt aber auch, daß das Evangelium des Friedens (Eph.
6,5) durch solche Kapitulationen nicht zur Auflösung gebracht worden ist. Denn
der Herr, den die Christen buchstäblich kreuzigen, wenn sie sich am Kriege
beteiligen, ist der Auferstandene. Hörte das offizielle abendländische Staatskirchentum
seinen Ruf zum Frieden nicht –,die Sorge dieser Welt und der Betrug des Reichtums
erstickt das Wort (Matth. 13, 22) –, so waren dennoch welche da, die es hörten und danach lebten,
nun aber Außenseiter, Sonderlinge, Ketzer, Schwärmer, Sektierer oder gar auch
Heiden und Atheisten … Doch diese ihre Randstellung mit allen dazugehörigen
Astigmatismen ist IHM nicht zu suspekt, um das Zeugnis vom Frieden nun eben
dort in Kraft zu setzen.“[28]
Aus
dem was hier angedeutet werden sollte, ergibt sich, daß Kirche und
traditionelle Theologie – jedenfalls im allgemeinen und jedenfalls in
Deutschland – nicht das für die Sicherung des Friedens leisten konnten, aber
weithin auch gar nicht leisten wollten, was die Friedensbewegung von ihnen
erhoffte. Statt die Gemeinden zu ermutigen, den Kampf, den die Friedensbewegung
führte, als ihren Kampf zu begreifen und ihn mitzuführen, beargwöhnten sie – so
absurd war die Situation tatsächlich Ende der vierziger, Anfang der fünfziger
Jahre – jedes Wort für den Frieden, das Christen in Solidarität mit Nichtchristen
sprachen, als Angriff auf Bekenntnis und Lebensordnung der Kirche. Das mußte
nun allerdings bald zur Folge haben, daß die theologischen Aussagen der
Friedenspfarrer bestimmte „reformatorische“ Ansprüche involvierten und
intendierten. Wie das zu verstehen ist zeigt die zitierte Erklärung vom
Dezember 1950. Jeder der in ihr vorgetragenen Sätze definierte nicht nur die
eigene Position, er kritisierte zugleich auch jene kirchliche Praxis, die sich
in Reden und Tun nicht vom Evangelium, sondern von deutschnationalen oder
klerikalfaschistischen Ressentiments bestimmen ließ.
Diese
erste Erklärung der Friedenspfarrer in der DDR konnte allerdings nicht mehr
sein als eine Darlegung der Grundsätze, die man vertrat. Was die
Kirchenleitungen anbetraf, so war der Appell in den Wind gesprochen; aber auch die
Gemeinde erreichte er nur dann, wenn der betreffende Pfarrer mit seinen
Verfassern übereinstimmte. Denn die Friedensbewegung als ganze konnte sich die
Verlautbarung nicht zu eigen machen, wenn sie ihrer Zielsetzung treu bleiben und
ihre Grenzen beachten wollte. Damit tauchten Probleme auf, die so lange
unlösbar bleiben mußten, wie nicht die Christen innerhalb der deutschen
Friedensbewegung zu einem besonderen Zusammenschluß gelangten.
III.
Vor
diesem Hintergrund hat sich der Christliche Arbeitskreis im Deutschen
Friedensrat entwickelt. Bevor er sich konstituieren konnte, mußten noch einige
Hemmnisse beseitigt werden. Das geschah mit Hilfe der führenden Repräsentanten des
Friedenskomitees. Sie betonten in den ersten Monaten des Jahres 1951 oft und
eindringlich, daß die Friedensbewegung Raum habe für Christen und Atheisten und
daß sie sich kein Richteramt über den größeren oder geringeren Wert dieser oder
jener Begründung der Arbeit für den Frieden anmaße. Auf der 1. Plenartagung des
Deutschen Friedenskomitees am 9. Dezember 1950 wandte sich Generalsekretär
Willmann gegen sektiererische Tendenzen, indem er erklärte: In der
Friedensbewegung „hat der Christ dieselbe Bewegungsfreiheit und Möglichkeit,
seine Auffassung zum Ausdruck zu bringen, wie der Atheist. Das soll man aber
nicht nur deklarieren. Man muß das auch in der Praxis beweisen. Das soll man
zeigen, wenn man die Friedenskomitees, wenn man die Leitungen der Friedenskomitees
wählt, wenn man die Sprecher bestimmt …“[29]
Auf
der 2. Plenartagung am 10. März 1951, auf der Johannes Herz das Hauptreferat
und das Schlußwort hielt und zwei Pfarrer in der Diskussion sprachen, erörterte
der thüringische Synodale Dr. Hans Wiedemann, damals noch Oberstudiendirektor
in Erfurt (später Oberbürgermeister der Stadt Weimar und bis zu seinem Tode
Vorsitzender des Bezirksfriedensrates Erfurt), in einem ebenso konzentrierten
wie klugen Votum die Dialektik von Vertiefung und Verbreiterung der Friedensbewegung.
Er sagte u. a.: „Ich finde, es ist viel zu eng, immer nur von der Atombombe zu
sprechen. Wir müssen ganz anders den Krieg darstellen. Wir haben geradezu eine
seelsorgerliche, eine missionarische Aufgabe, daß wir den Krieg überhaupt als
das hinstellen, was des Menschen unwürdig ist … Noch nie ist so stark die
Forderung an die Menschheit gekommen: Ändert Euren Sinn!“ Der dritte Weltkrieg,
würde er ausbrechen, wäre nicht nur quantitativ, sondern qualitativ von allen
bisherigen Kriegen unterschieden. (Heute weiß das jedes Kind, 1950 hatte sich
diese Erkenntnis noch keineswegs allgemein durchgesetzt.) Darum glaube er, daß
es eine Aufgabe von großer praktischer Bedeutung für die Friedensbewegung sei,
einer „Friedensphilosophie“ den Weg zu bereiten, für die alle von unserer
Generation neugewonnenen gesellschaftswissenschaftlichen Einsichten fruchtbar
gemacht, in die aber auch das ganze humanistische Erbe integriert werden müsse
von Kant bis zur pazifistischen Bewegung vor dem ersten Weltkrieg, Gebiete, die
für die meisten Menschen heute tabula rasa seien.[30] Wiedemanns Forderung
wurde lebhaft begrüßt und unterstützt vom Vorsitzenden des Landesfriedenskomitees
Brandenburg, Prof. Scheunert, und vom Rektor der Universität und Vorsitzenden des
Kreisfriedensrates Leipzig, Prof. Georg Mayer. Johannes Herz unterstrich sie in
seinem Schlußwort ebenfalls nachdrücklich, wobei er ihre Bedeutung gerade auch für
die Theologie und die Gewinnung von Geistlichen für die Friedensarbeit betonte.[31]
Vom
11. bis 15. Juli 1951 wurde in Berlin der 3. Deutsche Evangelische Kirchentag
durchgeführt. Er gab den letzten Anstoß für den Zusammenschluß der verschiedenen
auf Kreis- oder Länderbasis bestehenden Pfarrer-Arbeitsgemeinschaften „für den
Frieden“, „für Frieden und soziale Arbeit“ o. ä. und für die Bildung eines „Zentralen
Christlichen Arbeitskreises für den Frieden“ in Berlin. Auf der 3. Plenartagung
des Deutschen Friedenskomitees am 8. Juni hatte Karl Kleinschmidt, von Gerhard
Kehnscherper unterstützt,[32] auf die großen
Möglichkeiten hingewiesen, die der Kirchentag für die Ausweitung der
Friedensbewegung biete, und angeregt, während seiner Dauer täglich Foren über
Themen wie „Der Christ und der Krieg“ durchzuführen. Dieser Vorschlag war bei
der Kürze der für die Vorbereitung zur Verfügung stehenden Zeit nur zu
verwirklichen, wenn man sich der Hilfe auch außerhalb von Berlin wohnender
Theologen versicherte, die mit den einschlägigen Fragen gründlich vertraut und
mit der Friedensbewegung eng verbunden waren. Die Durchführung der
Veranstaltungen entsprach zwar nicht ganz den Vorstellungen der Initiatoren.
Doch wurden in der Zeit des Berliner Kirchentages an jedem Nachmittag im Hause
des Deutschen Friedenskomitees Aussprachen mit Gästen aus Westdeutschland durchgeführt,
die das Verständnis für die Gedankengänge der in der Friedensbewegung
mitarbeitenden Theologen erhöhten und diese selbst von der Notwendigkeit
überzeugten, engere Verbindungen zwischen den zersplitterten, weitgehend,
isolierten und auch in ihrer Konzeption nicht koordinierten Arbeitskreisen
herzustellen, in denen sie tätig waren.
Durch
die politische Entwicklung im Sommer 1951 war das Problem noch auf einer
anderen Ebene akut geworden. An der Vorbereitung und Durchführung der
Volksbefragung ,“Gegen die Remilitarisierung Deutschlands – für einen Friedensvertrag
noch im Jahre 1951“ nahm wiederum, wie im Vorjahr an der Kampagne zur Ächtung
der Atombombe, eine größere Zahl von Theologen teil. Dabei kam es zwischen den
einzelnen Länderarbeitsgemeinschaften der Friedenspfarrer zu regem Gedanken- und
Erfahrungsaustausch. Dreißig Geistliche aus verschiedenen Landes- und
Freikirchen im Raum der DDR – drei aus Brandenburg, fünf aus Sachsen, vier aus
Mecklenburg und je neun aus Thüringen und Sachsen-Anhalt – forderten die
evangelischen Christen in beiden deutschen Staaten auf, bei der Volksbefragung
mit „Ja“ zu stimmen.[33] Es lag in der Natur der
Sache, daß durch solche Unternehmungen bei allen Beteiligten der Wunsch immer
größer und das Bedürfnis immer stärker empfunden wurde, Formen zu finden, die
eine kontinuierliche gemeinsame Arbeit ermöglichen könnten.
Vor
der 4. Plenartagung des Deutschen Friedenskomitees am 17. August 1951
berichtete Gerhard Kehnscherper über die in der Zeit des Berliner Kirchentages
durchgeführten Veranstaltungen, und Heinz Willmann erklärte, daß Präsidium und
Sekretariat des Deutschen Friedenskomitees es begrüßen würden, wenn die
christlichen Mitarbeiter der Friedensbewegung sich zu einer Arbeitsgemeinschaft
zusammenschlössen.[34] Sie begleiteten die
darauf hinzielenden Gespräche und Pläne mit Anteilnahme und Sympathie. Sie zu
einem guten Abschluß zu bringen sei aber Sache der christlichen Freunde selbst.
Im
September und Oktober 1951 fanden die ersten Beratungen statt, die
protokolliert wurden und bei denen man bereits Details der Ziele und der
Organisationsform des Zentralen Christlichen Arbeitskreises für den Frieden
erörterte. In der gleichen Zeit bildeten sich die meisten Theologen-Arbeitsgemeinschaften
in den Ländern in „Christliche Arbeitskreise für den Frieden“ im jeweiligen Lande
um, die Vertreter in den Zentralen Arbeitskreis delegierten. Zu gleichberechtigten
Vorsitzenden des Zentralen Christlichen Arbeitskreises für den Frieden wurden
Johannes Herz, Karl Fischer und Hans Wiedemann gewählt. Die politische und
organisatorische Koordinierung erfolgte von einem Berliner Büro aus das Frau
Frida Stolzenbach klug, energisch und zielstrebig leitete. Die ersten
Pfarrerkonferenzen und christlichen Begegnungen, die unter der Ägide des
Christlichen Arbeitskreises durchgeführt wurden, fanden Zustimmung und
beträchtliche Resonanz besonders in den Ländern Brandenburg, Sachsen und
Sachsen-Anhalt, wo von den Arbeitsgemeinschaften der Friedenspfarrer bereits
gute Vorarbeit geleistet worden war. In anderen Teilen der DDR lief die Arbeit
schwerer an. Vor allem in Mecklenburg wurde sie durch sektiererische
Widerstände in einigen Friedenskomitees erschwert.
In
jedem Monat fand in Berlin mindestens eine Vollsitzung des Christlichen
Arbeitskreises statt, in der politische, theologische und kirchenpolitische
Probleme erörtert, Erfahrungen ausgetauscht und die nächsten Vorhaben der
Arbeitskreise in den einzelnen Ländern koordiniert wurden. Ende 1951 kamen die
ersten selbständigen Publikationen heraus, im Dezember erschien auch der erste
„Rundbrief des Zentralen Christlichen Arbeitskreises für den Frieden“. Diese zunächst
hektographierten, seit März 1952 gedruckten, in unregelmäßigen Abständen
erscheinenden „Rundbriefe“ festigten den durch die praktische Arbeit gewonnenen
Zusammenhalt unter den Theologen, die bereits länger in der Friedensbewegung mitgearbeitet
hatten, und halfen, neue Kräfte für die Arbeit zu gewinnen.
So
konnte der Christliche Arbeitskreis schon im Frühjahr 1952 daran denken, mit
einer größeren Konferenz an die Öffentlichkeit zu treten und sich ihr mit
seinem Wollen vorzustellen. Das geschah am 4. Juli 1952, anläßlich der außerordentlichen
Tagung des Weltfriedensrates in Berlin, die der Vorbereitung des Wiener
Völkerkongresses diente. Diese erste große Konferenz im Haus der Presse in
Berlin,[35] an der etwa 450
Geistliche, Synodale, Theologieprofessoren Kirchenvorstandsmitglieder und
christliche Intellektuelle teilnahmen beendete den ersten Abschnitt der Arbeit
des Christlichen Arbeitskreises.
In
seinem einleitenden Referat definierte Johannes Herz die Friedensarbeit der
Christen als Auftrag, der aus der „über alle konfessionellen Trennungen und
Schranken hinweggehenden Verantwortung christlicher Solidarität“ erwachse „die
uns von Gott für die ganze Menschheit auferlegt ist, gleichviel ob diese
Menschheit unsere Ansichten teilt oder nicht, gleichviel ob sie uns mit
Vertrauen oder mit Ablehnung begegnet, eine Verantwortung, für die es keine
Grenzen gibt“. Aus dieser umfassenden Verantwortung leitete er die konkreten
Aufgaben für die Verkündigung der Kirche und für das Zeugnis der Christen im
öffentlichen und privaten Leben ab: Zunächst müsse das Gebot „Du sollst nicht
töten“, du sollst Ehrfurcht haben vor dem Leben deines Mitmenschen, wer es auch
sei, es soll dieses Leben dir unantastbar und heilig sein, in seiner ganzen
Unerbittlichkeit neu und kompromißlos zur Geltung gebracht werden. In der
Geschichte der Christenheit sei es weithin vergessen oder verharmlost oder
beiseite geschoben worden. Zum anderen sei es notwendig, daß Christen die politischen
Fragen immer auch auf ihre theologische Relevanz prüfen. Schließlich müsse der
Christ seine Teilnahme am Friedenskampf nicht nur als Kampf gegen das
Übel und die Sünde des Krieges, sondern zugleich als Ringen für mehr Gerechtigkeit
und Wahrheit verstehen. Für alles, was um ihn herum geschieht, trage jeder
Mensch eine persönliche Verantwortung. Niemand, keine Institution und keine
Suggestion könne ihm diese sittliche Verantwortung abnehmen. Wo das aber
versucht werden sollte müsse er sich dagegen zur Wehr setzen, sonst werde er
seiner Würde als Persönlichkeit beraubt.
In
diesem Referat waren bereits alle die Motive biblisch-theologischer Besinnung
und politischen Engagements aus christlicher Verantwortung enthalten, deren
Entfaltung und Vertiefung der Christliche Arbeitskreis in den folgenden Jahren
versuchte. Von hier führt eine gerade Linie zu den Theologenkonferenzen in Weimar
(1959), Dresden (1960) und Görlitz (1961). Die Begründung ist aber auch wiederzufinden
in dem, was Emil Fuchs am 9. Februar 1961 über den Friedenskampf der Christen
an der Seite der Atheisten sagte. Dieser Hinweis auf die Kontinuität theologischer
Reflexion und praktischer Mitarbeit im Dienste des Nächsten in Staat und
Gesellschaft zeigt, wie absurd die gelegentlich (z. B. von Johannes Hamel)
aufgestellte Behauptung ist, daß die in der Friedensbewegung mitarbeitenden
Theologen Taktiker und Akklamateure seien.[36]
Der
Grundakkord der Konferenz am 4. Juli 1952, den Johannes Herz angeschlagen
hatte, wurde variiert und im einzelnen auch vertieft durch die beiden
Hauptreferenten der Tagung, den damaligen ungarischen Bischof Janos Peter
(heute Außenminister der Volksrepublik Ungarn) und durch Prof. Josef L. Hromadka.
Peter behandelte den internationalen Aspekt der deutschen Frage nach der
Unterzeichnung des sogenannten „Generalvertrages“. Er wandte sich gegen den
Defätismus, als sei der Kampf für die friedliche Lösung der politischen Probleme
in Mitteleuropa nunmehr hoffnungs- und aussichtslos, und appellierte in diesem
Zusammenhang an die protestantischen Kirchen in den europäischen Ländern, aller
Kreuzzugsideologie und aller irredentistischen und aggressiven „Abendland“-Ideologie
nicht nur zu widerstehen, sondern sie als unchristlich zu enthüllen.
Hromadka
bekannte sich ausdrücklich zum Wollen des Christlichen Arbeitskreises. Sein
Referat weckte eine nachhaltige Resonanz. Er bezeichnete die deutsche Frage als
das zentrale Problem für die Sicherung des Friedens in Europa, das der Christ
jedoch nicht nur in dieser politischen, sondern auch in seiner theologischen
Dimension erkennen müsse. „Wie kann die Katastrophe Deutschlands zum Heil, zum
Heil des deutschen Volkes, Europas, der ganzen Welt verwandelt werden?“ Das sei
für den Christen nicht nur eine politische, sondern auch eine Glaubensfrage.
„Die biblische, auf die Propheten und Apostel gegründete Theologie muß uns dazu
führen, eine richtige politische Entscheidung zu treffen.“ Darum sei es
politisch, moralisch und intellektuell absurd, in der Kirche „überwintern“,
dort die Restauration der bürgerlichen Gesellschaft erwarten zu wollen, statt
in der neuwerdenden sozialistischen Ordnung die Aufgaben zu erkennen und lösen
zu helfen, die dem Christen hier gestellt sind. Den Referaten folgte eine
angeregte und auf hohem Niveau stehende Aussprache. Als zweiter
Diskussionsredner gab Emil Fuchs ein zwar kurzes, aber sehr eindrucksvolles
Votum ab.[37] Es war dies sein erstes Auftreten im Christlichen Arbeitskreis für den Frieden.
Ausgehend von der Rede Hromadkas[38] führte er dessen Thesen
weiter:
„Es
ist schon so, wie es Hromadka gesagt hat, daß man in der Christenheit noch
weithin glaubt, man könne wie in alten Zeiten existieren und weiter so leben,
wie man es gewöhnt ist. Viele haben noch nicht erkannt, daß wir in einer Zeit
leben, wo wir mit jedem Wort und jeder Tat eine Entscheidung treffen – eine Entscheidung
entweder nach alter Gewohnheit und für sie oder die Entscheidung für das, was
aus unserem augenblicklichen Tun und Reden neu geboren und geschaffen werden
soll.
Das
Leben hier in der DDR ist nicht leicht. Aber das ist ja gerade das Große, daß
dieses Leben uns täglich zwingt, jeden Schritt genau zu überdenken und ihn in
wirklicher Verantwortung zu tun. Wir erleben es Tag für Tag, daß Christen, daß
Theologen immer so weiterleben, als wären wir noch im Jahre 1910. Und auf
einmal stolpern sie über einen Stein, und dann schreiben sie Briefe nach dem
Westen, daß hier so schreckliche Leute uns Steine in den Weg werfen. Wenn man
sie aber fragt: Weißt du denn nicht, daß hier ständig viele Steine liegen, weil
hier ein Haus auch für dich gebaut wird?, dann wollen sie das nicht einmal
hören, und man hat große Mühe, ihnen zu zeigen, daß die Steine, über die sie
stolpern, Steine sind, aus denen das neue Haus gebaut werden muß, da wir sonst
überhaupt kein Haus haben.“
In
Deutschland seien die Christen in großer Gefahr, das Gericht Gottes zu
verharmlosen. Es werde zwar viel von diesem Gericht geredet.
„Aber
ist in der Christenheit die Frage wirklich so klar, wie sie unser verehrter
Freund Hromadka gestellt hat: Wie schaffen wir aus der Katastrophe, die das
Hitlertum über uns brachte, ein wirklich neues, gesegnetes Deutschland? Ist
diese Frage in den führenden Kreisen unserer Kirche so klar gestellt, wie man
sie nach einem solchen Gericht Gottes stellen muß? Erleben wir nicht, wie man
versucht, aus uns sehr fernen Schriften und Texten seine Stellung zur Gegenwart
zu begründen? Und wenn dann viele sich furchtbar unparteiisch fühlen, weil sie
so abstrakt aus fernen Prinzipien ihre Stellung ableiten können, dann fragt man
sich oft: Merken diese Leute wirklich nicht, wie intensiv sie Partei nehmen für
ihr gewohntes Leben gegen das, was neu werden will? Sie haben Prinzipien, sie
fühlen sich unparteiisch, aber sie machen ihre Augen nicht verantwortungsbewußt
auf für das, was heute ist.“
Emil
Fuchs schloß seinen Diskussionsbeitrag mit dem Appell:
„Wir
müssen überall sagen und zeigen, daß wir unsere Verantwortung in dieser
schweren Zeit begreifen. Kirche und Verkündigung müssen den Christen helfen,
sich klarzumachen, in welches Schicksal einzelne Menschen heute hineingestellt
sind und daß wir dieses Schicksal gemeinsam zu meistern haben. Jeder von uns
trägt täglich mit dem, was er sagt, und mit dem, was er tut, dazu bei, unsere
Lage entweder im Sinne des Friedens und der Verständigung zu gestalten oder
aber neue Bitterkeiten zu schaffen und Schwierigkeiten anzuhäufen, durch die
die Lage immer mehr verwirrt wird. Wir müssen und wollen dafür arbeiten, daß
unsere Kirche und daß wir als einzelne Menschen aus Gewohnheit und
Verharmlosung herausfinden, daß wir in die große Verantwortung hineinwachsen,
daß wir immer besser erkennen: Wir sind verantwortlich mit unserem Tun und mit
unserem Reden, daß ein Geist der Wahrhaftigkeit und des Friedens verbreitet
wird.“
Der
Ernst, mit dem Emil Fuchs gesprochen hatte, hinterließ einen tiefen Eindruck.
Das, kam besonders in den Diskussionsreden westdeutscher Tagungsteilnehmer zum
Ausdruck.
IV.
Es
ist von der Sache her gerechtfertigt, an dieser Stelle die chronologische
Darstellung zu unterbrechen und die Frage zu untersuchen, was der Eintritt von
Emil Fuchs in die Tätigkeit des Christlichen Arbeitskreises für dessen
theologische und organisatorische Entwicklung bedeutete. Dazu ist es nötig, mit
einigen Strichen die Physiognomie des Arbeitskreises zu umreißen, die er Mitte
1952 bot.
Ohne
Statut und feste Mitgliedschaft, offen für jeden, der sich zur ständigen oder
auch nur gelegentlichen Mitarbeit bereit erklärte, hatte der Christliche
Arbeitskreis seine Tätigkeit begonnen. In der kurzen Zeit von September 1951
bis Juli 1952 wurden gute organisatorische Grundlagen für die weitere Arbeit
geschaffen. Das war eine beachtliche Leistung. Doch führte die Ausweitung des
Kreises, ohne daß ein klares Programm vorhanden war und ohne daß sich jemand
auf bestimmte Organisationsprinzipien festzulegen brauchte, dazu, daß sich
sowohl personell als auch sachlich innerhalb des Arbeitskreises heterogene
Tendenzen entwickelten. Von den Mitarbeitern wurde lediglich erwartet, daß sie
den guten Willen mitbrachten, aus christlicher Verantwortung etwas zur
Sicherung des Friedens beizutragen. Diese sehr vage und allgemeine Zielsetzung
wurde mit dem Stichwort „Weite“ gerechtfertigt. Es stellte sich aber bald
heraus, daß diese Unbestimmtheit, dieses Fehlen eines Minimums gemeinsam
anerkannter politischer Orientierungspunkte und Leitvorstellungen, keineswegs
Weite im positiven Verstand des Wortes konstituierte, sondern vielmehr
Verschwommenheit und geringe Präzision zur Folge hatte.
Vor
der Konstituierung des Christlichen Arbeitskreises hatten in den
Friedenskomitees vornehmlich solche Theologen mitgearbeitet, die entweder
bereits vor 1933 für eine humane, demokratische, antimilitaristische Ordnung
der Gesellschaft eingetreten waren oder die im Widerstandskampf gegen die
faschistische Diktatur ihren Mann gestanden hatten, darunter viele anerkannte
„Opfer des Faschismus“. Andere hatten im Nationalkomitee „Freies Deutschland“
ihre früheren Ansichten korrigiert und neue Erkenntnisse gewonnen. Besonders
stark waren in den Orts-, Kreis- und Landesfriedenskomitees ehemalige religiöse
Sozialisten und solche Theologen vertreten, die Beziehungen zum
Evangelisch-Sozialen Kongreß und zum Kreis um die „Christliche Welt“ gehabt
hatten. Sie alle brachten nicht nur eine allgemeine Sehnsucht nach Frieden mit,
sondern Lebenserfahrung, Autorität, Wissen um die Bedeutung des Kompromisses
für die Entwicklung einer aktionsfähigen Gruppe und vor allem konstruktive
gesellschaftliche Leitbilder. Aber diese wertvollen Eigenschaften und
Kenntnisse wurden nicht nur von der Friedensbewegung geschätzt. So war diesen
Theologen häufig schon lange, bevor die Friedensbewegung sich bildete, viel
gesellschaftliche Verantwortung übertragen worden. Bruno Theek zum Beispiel war
nicht nur Pfarrer In Ludwigslust, sondern seit seiner Befreiung aus dem KZ
Dachau auch Bürgermeister der Stadt und Lehrbeauftragter an der Universität
Rostock, Karl Kleinschmidt nicht nur Domprediger in Schwerin, sondern auch
Volkskammerabgeordneter und Mitglied der Leitungsgremien des Kulturbundes und
des Schriftstellerverbandes. Die Beispiele ließen sich leicht vermehren. Es war
nur natürlich daß diese Männer es begrüßten, als der Christliche Arbeitskreis
die Unterstützung solcher Theologen fand, die noch nicht so stark wie sie selbst
mit gesellschaftlichen Verpflichtungen belastet und die auch bereit waren,
konkrete Arbeit zu leisten. Doch geriet man dabei in einen circulus vitiosus:
Wer verhältnismäßig mehr Zeit hatte, besaß weniger Erfahrung und Weitblick, wer
über diese verfügte, mußte Zeit und Kraft auf viele verschiedene Arbeitsgebiete
verteilen.
Angesichts
mancher Legenden, die über den Charakter und das Selbstverständnis des Christlichen
Arbeitskreises von übelwollenden Leuten gesponnen worden sind, ist energisch zu
betonen, daß der Christliche Arbeitskreis sich nie als kirchenpolitsche
Oppositionsgruppe verstand. Allerdings waren in ihm von Anfang an auch solche
Theologen aktiv tätig, die schon seit einiger Zeit in heftiger Fehde mit ihren
Kirchenleitungen lagen. Aber nicht sie hatten aus Übermut den Streit vom Zaun
gebrochen, sondern sie waren von den Konsistorien wegen ihres offenen Bekenntnisses
für die DDR, wegen ihrer Mitarbeit in Ausschüssen der Nationalen Front, in Friedenskomitees
oder weil sie sich gegen den Mißbrauch des Christentums zugunsten der
Remilitarisierung Westdeutschlands wandten, angegriffen worden. Es wäre
aufschlußreich, einmal alle kirchenamtlichen Verlautbarungen aus den Jahren
nach 1949 zusammenzustellen, die eine Spitze gegen die Friedensbewegung enthielten
oder offen gegen die Mitarbeit von Christen in ihr polemisierten. Das kann hier
nicht geschehen. Doch soll an zwei Beispielen deutlich gemacht werden, wie
Kirchenleitungen in der DDR die Ausweitung der Friedensbewegung zu
hintertreiben versuchten, während einflußreiche westdeutsche Theologen
gleichzeitig die Remilitarisierung in der Bundesrepublik moralisch unterstützten.
Am
19. März 1950 rief das Weltfriedenskomitee „alle Menschen in der Welt, die
guten Willens sind“ dazu auf den Stockholmer Appell zur Ächtung der Atomwaffen
zu unterzeichnen. Diese Aufforderung beantwortete das Evangelische Konsistorium
Berlin-Brandenburg am 20. März mit einer von Präses Scharf und Konsistorialpräsident
v. Arnim unterzeichneten Verfügung, durch die das bereits 1948
(Volkskongreßbewegung!) ausgesprochene, im Februar 1950 „in Erinnerung
gebrachte“ Verbot, das es Pfarrern untersagte, Mitglied politischer
Zusammenschlüsse, auch „gesamtpolitischer“, also überparteilicher Art, zu
werden, ausgedehnt wurde auf „alle im unmittelbaren kirchlichen Dienste
stehende Personen“ (womit etwa Katecheten, Kantoren, Mitglieder von Synoden und
Gemeindekirchenräten gemeint waren).
Im
Jahre 1952 bot sich ein ähnliches Schauspiel der Synchronisation. In ihrem
Informationsdienst Nr. 14 vom 29. April 1952 teilte die Magdeburger
Kirchenleitung den Geistlichen der Kirchenprovinz Sachsen mit, daß der
württembergische Landesbischof Wurm den Kampf für den Frieden einen
„schwärmerischen Kurzschluß“ genannt habe, denn „kein Übel dieser Welt kann
durch Diktat an seiner Wiederkehr gehindert werden, weder Seuchen, noch
Hungersnöte, noch Volkslaster, auch nicht die Kriege … Am allerwenigsten kann
mit christlichen Glaubensgründen gegen diese Lebenserfahrung und
Geschichtserfahrung angekämpft werden …“ Die Sätze stammten aus einem Interview
Wurms mit dem EPD, in dem er offen erklärt hatte, daß er die Remilitarisierung
Westdeutschlands billige. Die Magdeburger Kirchenleitung beeilte sich, der
Mitteilung hierüber das Urteil eines bekannten Mannes aus ihrer eigenen
Landeskirche über die Friedensbewegung anzufügen: Sie „ist Idealismus, Glaube an
den Menschen, an die Welterneuerung und -erlösung aus eigener Kraft, ist im
Grunde Schwärmerei und Illusionismus. Das verträgt sich nicht mit dem
christlichen Glauben.“ So hatte es Johannes Jäniecke, damals Propst in Halle,
heute Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, vor der Hallenser
Studentengemeinschaft formuliert.
Aus
späteren Äußerungen Jänickes darf man wohl schließen, daß er die
Friedensbewegung heute nicht mehr so beurteilt. Aber das steht hier nicht zur
Debatte. Vor allem kann es nicht die Folgen aus der Welt schaffen, die sich aus
der Tatsache ergeben haben, daß die meisten Kirchenleitungen in der DDR in den
frühen fünfziger Jahren, sei es aus politischer Verbohrtheit, sei es aus
mangelnder Einsicht oder sei es, weil sie um des Schibboleths „Einheit der EKD“
willen die Exponenten des Klerikalismus in Westdeutschland nicht vergrämen
wollten, das Spiel der politischen und kirchlichen Reaktion, mitgespielt haben.
Wenn heute oft von den vertanen Chancen jener Jahre geredet wird, so sollten
sich alle diese kirchlichen Amtsträger darüber klar sein, daß sie selbst ein
gerüttelt Maß Schuld daran tragen, daß die Möglichkeiten, die es damals für die
Wiedervereinigung Deutschlands gab, nicht genutzt worden sind.
Unter
denen, die vor dieser Entwicklung rechtzeitig warnten, befanden sich zahlreiche
Mitglieder des Christlichen Arbeitskreises. Daß sie sich damit in Widerspruch
zu vielen Einzelentscheidungen, Verlautbarungen oder Kanzelabkündigungen ihrer
eigenen Kirchenleitungen setzten, war nicht überraschend. Wessen Analysen und
Prognosen durch den weiteren Verlauf der Entwicklung bestätigt wurden, liegt
heute vor aller Augen. Aber auch, daß es im eigenen Interesse der Kirchenleitungen
gelegen hätte – den Begriff „Interesse“ so oberflächlich wie nur denkbar
verstanden –, sich auf die gesellschaftlichen Kräfte zu orientieren, die
bereits damals das Konzept einer dauerhaften Friedensordnung in Deutschland entwickelt
hatten, statt sich auf eine Perspektive einzulassen, die unweigerlich zum Militärseelsorgevertrag
und damit zur Spaltung der EKD führen mußte, kann heute nur bestreiten wollen,
wer durch den Antikommunismus um den letzten Rest nüchterner Überlegung
gebracht wurde. Schon darum ist es einfach absurd zu behaupten, der Christliche
Arbeitskreis sei gegen die Kirche gegründet worden.
Es
konnte nicht ausbleiben, daß diese Dinge, die für Außenstehende nicht immer klar
durchschaubar waren, mißverstanden wurden und daß einige Pfarrer, die aus
persönlichen – manchmal sehr unerfreulichen – Gründen von ihren Kirchenleitungen
diszipliniert worden waren, sich dem Christlichen Arbeitskreis näherten, weil
sie hofften, hier einen Rückhalt zu finden. Sobald ihre wahren Absichten
erkannt wurden, hat sich der Christliche Arbeitskreis immer von solchen Karrieristen
und Opportunisten getrennt. Für manche Kirchenleitung jedoch waren diese Fälle
ein willkommener Anlaß den Arbeitskreis in seiner Gesamtheit als Herberge
zweifelhafter Existenzen zu diffamieren. Besonders tat sich bei dieser
Verleumdungskampagne die Magdeburger Kircheinleitung hervor. Sie brachte auch
das Schlagwort von den Friedenspastoren als den „roten DC“ in Umlauf, obwohl
ehemalige Deutsche Christen im Christlichen Arbeitskreis immer relativ schwach
vertreten waren. Diejenigen von ihnen jedoch, die sich zur Mitarbeit
bereitfanden – oft erst nach schweren inneren Kämpfen –, hatten ihre früheren
Irrtümer erkannt und die Konsequenzen gezogen, die das Stuttgarter
Schuldbekenntnis demjenigen nahelegt der es als Ruf zu Buße, Besinnung und
neuen Anfang verstand und nicht – wie Otto Dibelius nach Ausweis seiner
Autobiographie[39]–
als taktischen Schachzug klerikaler Selbstrechtfertigung. Unbelehrbare Deutsche
Christen hatten jedenfalls nach 1945 größere Chancen, in den Apparaten der
Konsistorien zu hohen Ehren und Würden zu gelangen, als im Christlichen
Arbeitskreis, der solche nicht zu vergeben hatte.
Das
größte Hemmnis für die praktische Arbeit erwuchs jedoch nicht aus den bisher
angedeuteten Problemen, sondern daraus, daß die gesamte Aufgabenstellung zu
wenig scharf konturiert war. Der Status des Zentralen Christlichen
Arbeitskreises für den Frieden gegenüber dem Deutschen Friedenskomitee war
nicht klar. Die drei Vorsitzenden und viele aktive Mitglieder waren zwar
Mitglieder des Deutschen Friedenskomitees oder der Landfriedenskomitees. Doch
gab es im Christlichen Arbeitskreis auch Mitarbeiter, die die Grundsätze, Ziele
und Beschlüsse der Weltfriedensbewegung und der deutschen Friedensbewegung
nicht als für den Christlichen Arbeitskreis verbindlich ansehen, sondern ein
davon abgesetztes Programm entwickeln wollten. Bald wurde der Wunsch laut,
neben der vom Deutschen Friedenskomitee repräsentierten „politischen“ noch eine
besondere „christliche“ Friedensbewegung zu schaffen. Einige Mitarbeiter
empfahlen, daß der Christliche Arbeitskreis sich stärker an den Modellen der
klassischen pazifistischen Organisationen orientieren, mehr Wert auf Diskussion
und „Selbstverständigung“ als auf die Unterstützung von Massenaktionen legen
sollte, die von der Weltfriedensbewegung und ihren nationalen Komitees
ausgelöst worden waren.
Unklar
war vielfach auch welche Aufgaben sich für den Christlichen Arbeitskreis aus
der Remilitarisierung Westdeutschlands ergaben und welche Haltung er zu der in
den Jahren 1951 und 1952 sich formierenden Opposition einnehmen sollte. Die
meisten Mitarbeiter erkannten zwar, daß es vor allem darauf ankommen mußte,
diesen Oppositionskräften den Rücken zu stärken, mit ihnen in der gleichen
Front gegen den gleichen Feind, den wiedererstehenden Imperialismus und
Militarismus, zu kämpfen. Andere dagegen waren besonders an den Methoden dieser
Opposition interessiert. Sie wollten auch in der DDR die Arbeit für den Frieden
auf der Voraussetzung aufbauen und mit den Argumenten leisten, die in
Westdeutschland entwickelt worden waren. Aber die Losung „Ohne uns“ zum
Beispiel, die in Westdeutschland schon nicht unbedenklich war, konnte in der
DDR, weil völlig sinnlos für einen Friedenskämpfer in einem Friedensstaat, nur
Verwirrung anrichten. Desorientierend mußten sich andere Schlagworte auswirken,
die hin und wieder im Christlichen Arbeitskreis laut wurden, wie: „Jeder kehre
vor seiner Tür“ oder „Jeder kritisiere seine Regierung“.
Bei
manchen Mitarbeitern war auch ein Zug zum abstrakten Neutralismus unverkennbar,
und einige Veranstaltungen, die von Christlichen Arbeitskreisen in dieser Zeit
durchgeführt wurden, liefen in Referat und Diskussion auf ein Plädoyer für
Kriegsdienstverweigerung und Gewaltlosigkeit hinaus. Es fehlte nicht an
Versuchen, den Zentralen Christlichen Arbeitskreis in seiner Gesamtheit auf
diese Linie festzulegen. Aus alledem ergab sich, daß häufig defensiv und
apologetisch argumentiert wurde. Illusionen über die Möglichkeit einer Politik
des dritten Weges gingen zuweilen Hand in Hand mit der Forderung, der
Christliche Arbeitskreis solle eine Position des dritten Ortes, „au dessus de
la mêlée“, außerhalb und oberhalb der streitenden. Parteien, einnehmen, Dem
Christen käme das Amt des Mahners und Wächters zu, der politische
Entscheidungen nicht treffen, sie nicht einmal wesentlich beeinflussen könne,
der aber verpflichtet sei, die Entscheidung der einen wie der anderen Seite zu
beurteilen.
Diese
Aufzählung problematischer Erscheinungen und Tendenzen im Christlichen
Arbeitskreis darf allerdings nicht so verstanden werden, als hätten sie allein
sein Bild geprägt. Sie sind immer nur von einer Minderheit vertreten worden.
Aber da die Kontroverspunkte niemals wirklich ausdiskutiert wurden, sondern
Unvereinbares oft als gleichberechtigt erschien, mußte die praktische Arbeit
darunter leiden.
Daß
über den Meinungsverschiedenheiten die gemeinsam anerkannten Aufgaben nicht aus
dem Blickfeld verschwanden, ist vor allem Johannes Herz zu verdanken. Die
Verdienste, die er sich um die deutsche Friedensbewegung und besonders auch um
den Christlichen Arbeitskreis erworben hat, sind groß und bleibend, Er trug in
sie die ganze reiche Tradition des theologischen Liberalismus hinein, besonders
die Überlieferung der von Rade und der „Christlichen Welt“ sowie von Teilen des
Evangelisch-Sozialen Kongresses getragenen Arbeit für Frieden und
Völkerverständigung. Sein Name hatte schon im Jahre 1917 unter dem Friedenswort
deutscher Protestanten gestanden, das von Aner, Nithack-Stahn, Pleß, Rittelmeyer
und Wielandt inauguriert war. Er hat sich oft darauf bezogen.[40] Johannes Herz war meines
Wissens der erste Hochschullehrer, der nach 1945 an einer deutschen Universität
Vorlesungen und Übungen zur Geschichte der Friedensbewegung abhielt.[41] Kant, Bertha v. Suttner
und besonders auch Tolstoi brachte er immer ein lebhaftes wissenschaftliches
Interesse entgegen, freilich ohne darüber zum Tolstoianer zu werden. Wenn Emil
Fuchs ihm in seinem Glückwunsch zum 75. Geburtstag bezeugte: „Daß evangelisches
Christentum in solcher Weise in der (Weltfriedens-) Bewegung vertreten ist,
bedeutet für die Bewegung und für unsere Kirche und ihre Aufgabe mehr, als wir
wohl im Augenblick überschauen können“[42], so hat die seither vergangene
Zeit schon bewiesen, wie recht er mit dieser Prognose hatte.
Johannes
Herz repräsentierte den Christlichen Arbeitskreis in einer Zeit, als viel
darauf ankam, die Basis der Mitarbeiter zu erweitern. Das hat er als seine
Aufgabe angesehen, und er hat sie im Rahmen des damals Möglichen auch gut
gelöst. Sein Appell richtete sich vor allem an den gesunden Menschenverstand
und an den guten Willen dessen, den er ansprach. Für ihn war das Christentum „Salz“
und „Licht“ der Welt, und wenn er kritische Töne gegenüber der empirischen Kirche
anschlug, dann dachte er dabei mehr an Mängel und Versäumnisse als an Schuld,
Versagen, Buße und Umkehr. Sein Geschichtsdenken war wesentlich von
positivistischen und evolutionistischen Elementen bestimmt. Darum – und nicht
etwa um den Schwierigkeiten des Tages auszuweichen – neigte er auch dazu, jede
aktuelle politische Frage in einen größeren historischen Rahmen einzuordnen.
Und wenn er die ethischen und moralischen Aspekte der jeweiligen Probleme stärker
zu akzentuieren pflegte als die juristischen oder ökonomischen, dann lag das
auf der gleichen Ebene. So kam er als Redner oder Diskussionsleiter immer
ziemlich bald auf grundsätzliche Erörterungen theologie- und geistesgeschichtlicher
Art, die Erbe und Vermächtnis christlicher Arbeit für den Frieden in das
Bewußtsein seiner Zuhörer hoben.
Freilich
war seine Stärke zugleich auch seine Schwäche und Grenze. Indem er nur
Kontinuität im Ablauf der geschichtlichen Prozesse sah, indem ihm jedes
konkrete Faktum der Zeitgeschichte zu einem Paradigma zeitloser, allgemeiner
Wahrheiten (oder auch Irrtümer) wurde, für die die Historie viele Beispiele
bot, konnte er die neuen Qualitäten, die die Weltgeschichte seit dem Jahre 1917
zu prägen begonnen hatten, nicht voll in sein Denken integrieren. Diese
Feststellung ist in keiner Weise abwertend gemeint, und sie darf vor allem
nicht so verstanden werden, als hätte Johannes Herz Vorbehalte gegenüber der
sozialistischen Revolution gehabt. Er war ein Freund der Sowjetunion, und er
bejahte, dann auch den Aufbau des Sozialismus in der DDR. Aber er begrüßte die
Umgestaltungen weniger, weil sie sozialistische waren, weil mit ihnen der
Grundstein für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Klassenscheidung gelegt
wurde, er unterstützte sie vielmehr, weil er in ihnen die Verwirklichung
liberal-demokratischer Forderungen zu erkennen meinte. Das waren sie ja auch
tatsächlich, aber Sie waren nicht nur dies.
V.
Für
die weitere Entwicklung des Christlichen Arbeitskreises wurde nun die Tatsache
von weitreichender Bedeutung, daß Emil Fuchs ihn mit solchen Fragen und Thesen
konfrontierte, die Johannes Herz wenig berührten oder die ihm gänzlich verschlossen
geblieben waren, deren Erörterung und Klärung aber unerläßlich war, wenn der
Kreis seine Position präzisieren und seine Arbeit vertiefen wollte.
Emil
Fuchs hat politische und gesellschaftliche Probleme immer sehr konkret
behandelt und sie mit Hilfe induktiver Denkmethoden begrifflich erklärt. In den
Jahren 1951 und 1952 bedeutete das: Er konzentrierte die Aufmerksamkeit derer
die er mit seinen Reden und Aufsätzen ansprach, mit großem Nachdruck auf die
zentrale Frage der Friedenssicherung in Europa, auf die deutsche Frage und vor
allem auf die Gefahren, die sich aus der Remilitarisierung der Bundesrepublik
entwickeln mußten.
Dabei
kam ihm, zugute, daß er die Anfänge dieser Entwicklung in Westdeutschland
selbst miterlebt und ihre fatale Bedeutung bereits damals erkannt hatte. Seinen
Niederschlag hatte auch dies schon in dem Brief an Kurt Schumacher gefunden,
den wir bereits in anderem Zusammenhang zitierten.[43] Die SPD, so hatte er
festgestellt, sei ihrer historischen Mission nicht gerecht geworden, eine feste
Barriere geben jede Form der gesellschaftlichen und. ideologischen Restauration
zu errichten. Unmißverständlich hätte sie erklären müssen, daß sie „gewillt
ist, für die friedliche Zusammenarbeit mit den anderen Mächten alle Kraft und
all Ihren Einfluß einzusetzen, daß sie sich aber nicht und nie zur Verfügung stellen
wird, unser Volk in militärisch bestimmte und geführte Bündnisse hineinzuziehen,
und daß Sie gewillt ist, den energischsten Widerstand den Versuchen entgegenzustellen,
die den Wiederaufbau des deutschen Volkes zu einem Wiederaufbau der alten
wirtschaftlichen Machtpositionen gestalten und die von draußen kommende Hilfe
zu einer Hilfe für die besitzende Schicht zur Unterdrückung der anderen machen
wollen“. Mit einer solchen Erklärung und einer auf diesen Einsichten
basierenden Politik „würde die Rolle Deutschlands in der Weltpolitik wieder
beginnen, viel stärker, als die Mitgliedschaft im Europarat sie sichern
könnte.“
Die
SPD aber, statt diese Notwendigkeiten zu begreifen und sich in ihrer Politik an
ihnen zu orientieren, habe sich auf einen sterilen Antikommunismus festgelegt.
(„Man hat die Scheidung gegenüber dem Kommunismus in einer Weise vorgenommen,
die das Verständnis für ihn völlig unmöglich macht und dadurch dem
Wiederaufrichten des Kapitalismus Vorschub leistet.“) Seien die Weichen aber
einmal in dieser Weise falsch gestellt, dann gebe es auf dem verhängnisvollen
Wege kein Halten mehr. „Heute schon sehen wir mit Erschrecken, was es für das
deutsche Volk bedeutet, wenn zu der Entfesselung des wirtschaftlichen
Wettrennens nun noch die Entfesselung militaristischer Hoffnungen käme. Mit
allem Ernst zog Emil Fuchs aus dieser Analyse die Konsequenz: „Für die kommende
Katastrophe werden die die Schuldigen sein, die heute den Neubau hindern und
damit einen neuen Ausbruch vorbereiten.“ Diese Beurteilung der Lage habe ihn
veranlaßt, den Ruf seiner Freunde in den Osten anzunehmen, denn er sei
überzeugt, „daß ich in meiner Art und Haltung drüben mehr für die Entwicklung
über die Diktatur zur wahren Freiheit tun kann als in der Demokratie hier, in
der man seinen Weg ohne diese Kräfte in der Weise sucht, die die Menschen
ablenkt von dem, was sie suchen müßten.“
Mit
diesem Brief vom Oktober 1949 hatte sich Emil Fuchs als derjenige deutsche
Theologe ausgewiesen, der als erster die verhängnisvollen Konsequenzen
signalisierte, zu denen die von den großen amerikanischen und westdeutschen Monopolverbänden
inspirierte, von der CDU/CSU exekutierte und von der SPD-Führung bald
geduldete, schließlich offen unterstützte Politik führen mußte: zur Spaltung
des deutschen Nationalverbandes, zur Verwandlung Westdeutschlands in die
Speerspitze der NATO, in den Vorposten des kalten und den Exerzierplatz des
heißen Krieges, den man gegen die sozialistischen Staaten plante. Auf alles
dies wies er mahnend und beschwörend hin, genau ein Jahr bevor Niemöller am 4.
Oktober 1950 seinen berühmten „Offenen Brief“ an Adenauer schrieb und Heinemann
fünf Tage später aus der Bundesregierung ausschied. Das spricht natürlich nicht
gegen Niemöller und Heinemann, deren Verdienst und Ruhm es immer bleiben wird,
daß sie zu den ersten gehörten, die das Gerede Adenauers und seines Gefolges
vom Friedenswillen der Bundesregierung als pure Heuchelei entlarvten, wenn auch
Heinemann daraus nicht die Schlüsse gezogen hat, die man hätte erwarten können.
Die Erinnerung an die Priorität dieser Erkenntnisse spricht aber
außerordentlich für den politischen Verstand von Emil Fuchs – und derer, die
bereits damals auf ihn hörten.
Ebenso
klar und frühzeitig, wie er die demokratische Tarnwand zu durchstoßen
vermochte, hinter der in Westdeutschland das Comeback der Nationalisten und
Faschisten vorbereitet wurde, erkannte Emil Fuchs in der Weltfriedensbewegung und
im Deutschen Friedenskomitee die Basis, von der aus eine geschlossene
Konzeption konstruktiver Friedenspolitik zu entwickeln und zu realisieren war.
Im Christlichen Arbeitskreis hat er immer beides – die Geschlossenheit der
Friedensbewegung und die Konstruktivität und Praktikabilität ihrer Prinzipien
und Forderungen – als unaufgebbare Grundsätze vertreten, die um der
Effektivität der Bewegung willen unter allen Umständen festzuhalten seien. Nur
eine Erweiterung der Bewegung, bei der diese Basis nicht verlassen werde, sei
sinnvoll und vertretbar.
Daß
damit neuralgische Punkte des Christlichen Arbeitskreises berührt wurden,
dürfte aus dem klargeworden sein, was wir über die in ihm geführten Debatten
gesagt haben. Immer wieder einmal war dort die Forderung laut geworden, auch in
der DDR die traditionellen Friedensorganisationen, etwa den Versöhnungsbund
oder die Deutsche Friedensgesellschaft, neu zu gründen. Emil Fuchs wandte sich
stets gegen solche Projekte, wenn sie im Christlichen Arbeitskreis erörtert
wurden. So sagte er einmal:
„Ich
war lange in Westdeutschland, und ich war Mitglied beider Bewegungen. Bestünden
sie bei uns, so würde ich natürlich nicht vorschlagen, sie zu verbieten. Wenn
ich mir aber denke, wir sollten diese Vereinigungen wieder ins Leben rufen,
dann frage ich: Wozu und warum? Was würde dabei herauskommen? Ich weiß, wie
unsere Mitgliedschaften waren. Mit der Deutschen Friedensgesellschaft würden
wir wieder eine gutbürgerliche Friedensbewegung bekommen, in die alle die
eintreten, die mit dem Marxismus nichts zu tun haben wollen, und mit dem Versöhnungsbund
eine gutchristliche Friedensbewegung, die auch mit den Marxisten nichts zu tun
haben will. Unsere Weltfriedensbewegung aber will alle umfassen, die für den
Frieden arbeiten und um ihn ringen. Das ist etwas viel Größeres, als was die
anderen Bewegungen leisten könnten. Denn das erste, was wir um des Friedens
willen zu tun haben, ist, daß wir zu einer wirklichen Arbeitsgemeinschaft
zwischen Marxisten und Christen in unserer Bewegung kommen und daß wir lernen,
miteinander zu arbeiten. Dieses erste und Wichtigste aber könnten die
Friedensgesellschaft und der Versöhnungsbund nicht leisten. Sie neu zu gründen
wäre in unserer Situation ein Ablenken von der wirklichen Frage.“[44]
Ebenso
nachdrücklich, wie er sich für die Einheit der Friedensbewegung einsetzte,
wandte sich Emil Fuchs gegen jenen abstrakten Neutralismus, von dem auch schon
die Rede war. Im Mai 1952 erörterte er in der Wochenschrift „Verantwortung“ die
Frage: „Sind wir Christen von politischen Leidenschaften erlöst?“ Es würde öfter
behauptet, daß der Christ „zwischen denen stehen könnte, die um ihre Interessen
und ihre Ideologie streiten“. Er, Fuchs, könne das nicht, was damit gefordert
werde. Er stehe nicht so zwischen den streitenden Parteien:
„Ich
bin gebunden an die, von denen das Lied singt: ,Seht, wie ein Zug von Millionen
endlos aus Nächtigem quillt’ Zuviel des Nächtigen habe ich verderbend und
vernichtend über Menschen kommen sehen aus der Macht der Gesellschaft, deren
Ordnung Schutz und Schirm ihrer Angehörigen sein sollte. Zuviel junge Menschen
habe ich an Tuberkulose sterben sehen, während ihre Altersgenossen das Geld zum
Fenster hinaufwarfen. Zuviel Bitterkeit, Hoffnungslosigkeit, Familien- und Kinderelend
habe ich gesehen, verschuldet durch eine Gesellschaft, deren Reichtum Druck
geworden ist statt Segen, deren Reichtum auch die um ihr Menschsein bringt, die
ihn besitzen und genießen.
Daß
ich das weiß – daß ich das nicht vergessen kann noch darf –, das ist es, was
Jesus Christus als erstes an mir gewirkt hat und immer wieder wirkt, daß er mir
die Aufmerksamkeit für dies alles erhält und immer wieder vor mir steht mit der
großen Frage: ,Glaubst du, daß du so deiner Sache dienst – meiner Sache der
Unterdrückten wirklich förderst?’ … Aber indem wir drin stehen, indem wir da
mitwirken und ringen, wo die Leidenschaften aufeinanderstoßen, tun wir, die wir
darum ringen, Jünger Jesu Christi zu sein, unserer Sache einen Dienst.“[45]
So
bestand die Bedeutung, die die Arbeit von Emil Fuchs für den Christlichen
Arbeitskreis gewann, vor allem darin, daß er eine eigene, unabhängig von den
westdeutschen Voraussetzungen entwickelte Konzeption des Friedenskampfes für
die Christen in der DDR anbot, daß er auf die Dialektik von Friedenskampf und
sozialistischem Aufbau hinwies, daß er die bisherige, weitgehend biblizistische
Begründung durch politisch-gesellschaftliche Gesichtspunkte ergänzte und daß er
schließlich die großen Traditionen der Theologiegeschichte in den Friedenskampf
mit einbezog und für diesen fruchtbar machte.
Seine
Fähigkeit, politische Probleme so zu analysieren, daß ihr Wesen verständlich
wurde, verworrene und verwirrende Entwicklungen auf ihre entscheidenden
Strukturelemente zurückzuführen und dabei immer zugleich die Verantwortung
jedes einzelnen für vernünftige, gerechte und den Frieden fördernde Lösungen
wachzurufen, sicherten Emil Fuchs überall in der deutschen Friedensbewegung
eine hoch geachtete, im Christlichen Arbeitskreis eine überragende Stellung.
Wie er sie nutzte, um den Gang der Dinge im großen wie im kleinen zu
beeinflussen, ließe sich an vielen seit 1952 von ihm zu Fragen der Friedensbewegung
verfaßten Artikeln nachweisen. Besonders gut kann man es an den Reden ablesen,
die er auf den zentralen Konferenzen des Christlichen Arbeitskreises im
November 1952 und im Dezember 1953 hielt.
VI.
Vier
Monate nach der ersten großen Konferenz des Christlichen Arbeitskreises im Juli
1952 fand am 28 und 29 November 1952 in Berlin der Deutsche Kongreß für
Verständigung und Frieden (2. Deutscher Friedenskongreß) statt Er diente der Vorbereitung
des Völkerkongresses in Wien. Zu den am zweiten Konferenztage neugewählten
Mitgliedern des Deutschen Friedensrates gehörte auch Emil Fuchs.
A
diesem Tage sprach er auch zum erstenmal im Plenum des Deutschen Friedensrates.
Er behandelte die beiden Hauptstätten seiner praktischen Arbeit für den Frieden
– den Universitätsfriedensrat der Leipziger Universität, dessen Vorsitzender er
damals bereits war, und den Christlichen Arbeitskreis – als Modelle für die Verheißung
und die Größe der Friedensarbeit, an denen zugleich die Mittel erprobt werden
könnten, mit denen Schwierigkeiten überwunden werden können. Er bekannte sich
zur Friedensbewegung als einer den Einzelnen mitreißenden, demokratischen
Massenbewegung und verwies zugleich auf die Verantwortung des einzelnen innerhalb
dieser Bewegung:
„Wir
sehen, wie da draußen durch die weite Welt die Friedensbewegung geht und die
Menschen lebendig macht … Zu Millionen Menschen in der Welt kommt sie, und zum
ersten Male erleben sie, daß zu ihnen, den Kleinen, Unterdrückten, Verelendeten
gesagt wird: Auch Du, Du bis wichtig. Auch auf Deine Mitverantwortung kommt es
an … Eng werden sie zusammengefaßt zu diszipliniertem Schauen und Wirken, und
in diesem Zusammengefaßt werden, in dieser Zusammengehörigkeit … erkennen wir,
daß ein jeder einzelne von uns mit seinem Willen und seiner Verantwortung, mit
seiner Wahrhaftigkeit und seiner Treue, jeder kleine einzelne Mensch unter uns
etwas bedeutet, wichtig ist, gerade weil er mit uns allen zusammengefaßt ist in
dem großen, einigen Willen zum Frieden …
Draußen
vollzieht sich etwas vom Allergrößten, was der Menschheit bis jetzt geschenkt
wurde, das Erwachen der einzelnen Menschen zur ihrer eigenen Wahrheit, Würde,
zu ihrem eigenen geistigen Wollen und Wirklichkeit.“[46]
Unter
den Teilnehmern am 2. Deutschen Friedenskongreß befanden sich 203 Geistliche
verschiedener Konfession, die auf Einladung des Christlichen Arbeitskreises am
Abend des ersten Konferenztages eine Sonderberatung durchführten. Die komplizierte
innenpolitische Situation jener Monate spiegelte sich auch in der Debatte
wider, die schwer in Gang kam und bald auf Gebiete abzugleiten drohte, die mit
den Fragestellungen der Friedensbewegung überhaupt keinen Zusammenhang mehr
hatten. Besonders das Problem der Metaphysik der Macht, zunächst abstrakt
erörtert, aber rasch in eine Polemik gegen die DDR umschlagend, spielte dabei
eine große Rolle. Da meldete sich Emil Fuchs zu Wort, und es ist sehr
lehrreich, wie er die Versammlung wieder an ihren Arbeitsauftrag zurückführte,
ohne den Fragen auszuweichen, die gestellt worden waren. Er begann:
„Ich
glaube nicht, daß wir einfach sagen können, wir negieren alle äußere Macht.
Denn sie ist da und Tatsachen negieren zu wollen ist einfach unsinnig. Aber als
Christlicher Arbeitskreis haben wir darum zu ringen, daß überall, wo Christen
sind, sowohl die Notwendigkeit der „Macht wie die Anwendung von äußeren
Machtmitteln geringer, wie auch der Glaube an die Notwendigkeit dieser äußeren
Machtmittel überwunden wird. Hier stehen wir ganz in der Richtung der großen Weltfriedensbewegung,
die ja ausdrücklich sagt, daß es in dieser Welt keine Frage gibt, die nicht auf
dem Wege friedlicher Verhandlungen gelöst werden kann. Das ist der Punkt, auf
den wir uns stellen. Die Weltfriedensbewegung aber bringt überall die Völker in
Bewegung und schafft dadurch geistige Macht, die als entschlossener
Friedenswille sich den Regierenden mit ihrem Pochen auf äußere Macht in den Weg
stellt.
Wenn
ich das sehe, dann ist es für mich ein tiefer Schmerz, daß wir auf die
Mitwirkung der Kirchen und der großen kirchlichen Körperschaften bei diesem
Werk immer noch weithin verzichten müssen, Und wie groß wäre doch ihre Aufgabe
und ihre Möglichkeit in unserer Zeit und in unserer Friedensbewegung, geistige Macht
lebendig zu machen gegen äußere Gewalt! Warum spricht die Christenheit nicht
ein deutliches Wort? Warum tritt in dieser Situation nicht der Weltkirchenrat
zusammen und spricht ein klares und deutliches Wort? Ich meine, das wäre eine
Pflicht des Weltkirchenrates, und es wäre ebenso die Pflicht der Kirchen in
Deutschland, in diesem Augenblick zu sagen: Es muß verhandelt werden! Es darf
nicht dazu kommen, daß wir in einen Krieg hineingeraten, ohne daß auch nur der
Versuch gemacht worden wäre, uns als Christen und als Menschen über die Fragen
zu verständigen, die zwischen uns stehen. Ein solches Wort der Kirchen,
wirklich aus dem Geiste Christi heraus gesprochen, würde heute ungeheuer schwer
wiegen. Wenn sie aber in diesem Augenblick nicht reden oder nur so reden, daß
sich niemand getroffen fühlt, dann verschließen sie sich selbst dem Evangelium.
Weil wir befürchten, daß das geschieht, darum vor allem leiden wir so schwer.“
Emil
Fuchs schloß mit der Aufforderung an die Kirchen, den Teufelskreis aus Bedenken
und Verhaftetsein in alte Gewohnheiten und Ressentiments durch eine mutige Tat
für den Frieden zu durchbrechen, indem sie beauftragte Vertreter zum Völkerkongreß
nach Wien schicken, „damit die Völker sehen, daß ihnen die Sache des Friedens
eine Sache des Gewissens und des Glaubens ist“.[47]
Wer
auf diese Schlußapotheose mit einem achselzuckenden „Welch ein Illusionismus“
reagieren würde, hätte nichts von dem Geist verspürt, aus dem Emil Fuchs damals
wie so oft vorher und später sprach. Er kannte die verfaßte Kirche und ihre
„Funktionäre“ so gut, wie sie nur einer kennen konnte. Sie hatten ihn
geschmäht, verhöhnt, zu demütigen versucht. Er aber hat sich nie von ihr
getrennt oder auch nur aus Enttäuschung und Bitterkeit dazu hinreißen lassen,
sich von seiner Verantwortung für eben diese Kirche dispensiert zu fühlen.
Seine Kritik an der Kirche ist stets Kritik für die Kirche gewesen, und auch in
der Friedensbewegung hat er immer aus dieser tiefverwurzelten Solidarität
heraus gesprochen und gehandelt. So wie er nicht müde wurde, auf die
Mitverantwortung des Christen für das ganze gesellschaftliche Leben
hinzuweisen, wenn im Christlichen Arbeitskreis Stimmen laut wurden, die für
Christenheit und Kirche einen Sonderstatus in der Gesellschaft forderten, so
betonte er ebenso nachdrücklich, daß jeder Christ und besonders jeder Theologe
für alles mitverantwortlich sei, was irgendwo im Namen der Kirche gesagt oder
getan werde. Für jedes Fehlurteil und jeden Irrweg hat auch der die
Verantwortung mitzutragen, der die Kirche und ihre Leiter wieder und wieder gemahnt
und beschworen hatte, diese Wege nicht zu beschreiten.
Ein
ergreifendes Dokument dieser Haltung ist der Aufsatz „Eine christliche
Niederlage“, den Emil Fuchs unmittelbar nach der Unterzeichnung des
„Generalvertrages“ im Juni 1952 schrieb. Daß es soweit gekommen ist, ist nicht
die Schuld einer abstrakten Größe „Christenheit“, es ist
„die
große Schuld, die auf uns Christen lastet: der Haß- und Mißtrauenspropaganda
haben wir nicht widerstanden! Führende Kirchenleute haben vielmehr … die
Gegensätze zwischen der ,westlichen’ und der ,östlichen’ Welt noch verschärft,
sind mitschuldig an dem in der Rüstung und in den Bündnisbestrebungen sichtbar
werdenden Glauben an Gewaltlösungen ... So dürfen wir uns nicht wundern, daß
eine Christenheit, die an den entscheidenden Punkten nicht aus ihrem Glauben zu
handeln wagt, auch in ihrer Verkündigung eine ohnmächtige Christenheit ist.“
Doch
Emil Fuchs ist nie dabei stehengeblieben, zu sagen, was ist. Gerade an
Kreuzwegen der Entwicklung hat er immer positive, nach vorn weisende Vorschläge
entwickelt. So auch hier:
„Wir
haben allen Menschen – nicht nur den Christen – zu sagen, daß sie nun endlich
einmal den ganzen Ernst der Lage unseres Volkes und der Menschheit ins Auge
fassen … Helft uns, eine Atmosphäre des Vertrauens schaffen, einen wachsenden
Willen zu friedlicher, versöhnender Arbeit und ihr werdet die Kraft derer
mehren, die den Frieden erhalten und stark machen. Solange einzelne Menschen
dauernd Mißtrauen, Haß, Kampfesstimmung produzieren, können auch die besten Staatsmänner
keinen Frieden schaffen.“
Und
dann folgt wieder der Appell an die persönliche Verantwortung:
„Wächst
von unten her das Vertrauen und das Verstehen und der Wille zum Frieden, so
wird ihr Werk leichter und leichter.“[48] Man kann heute nur mit
Erschütterung die teils gehässige, teils völlig verständnislose Reaktion auf
diesen Aufsatz zur Kenntnis nehmen, mit der sich Emil Fuchs wenige Wochen
später auseinanderzusetzen hatte.[49]
Dieser
Artikel ist eine Art vorweggenommener Kommentar zu der Rede, die Emil Fuchs auf
der Konferenz des Christlichen Arbeitskreises am 28. November 1952 hielt. Die
meisten der folgenden Diskussionsredner bezogen sich auf seine Darlegungen,
besonders intensiv die Hallenser Pfarrer Gabriel und Holtz, und es ist nicht
zuviel gesagt, wenn man feststellt, daß der Erfolg der Veranstaltung, auf der
die Weichen für die weitere Entwicklung des Christlichen Arbeitskreises
gestellt wurden, zu einem wesentlichen Teil das Verdienst von Emil Fuchs war.
Das
Ergebnis der Tagung wurde in einer „Friedensbotschaft der Geistlichen und der
Mitarbeiter in den Kirchengemeinden auf dem Deutschen Kongreß für Verständigung
und Frieden“[50] zusammengefaßt, die von 110 Delegierten unterzeichnet wurde, unter denen sich
67 Theologen befanden (je 23 aus Thüringen und Sachsen, 21 aus Sachsen-Anhalt,
je 18 aus Mecklenburg und Brandenburg, 7 aus Berlin). Ärmer an theologischer
Substanz, stärker auf Rhetorik als auf rationale Beweisführung gestellt war
diese Erklärung schwächer als die Grundsatzverlautbarung vom November 1950.
Positiv bleibt an ihr hervorzuheben, daß sie zwei der wichtigsten Anliegen, die
Emil Fuchs immer wieder im Christlichen Arbeitskreis vertreten hatte, gleichsam
programmatisch fixierte: das Bekenntnis zur Einheit der Friedensbewegung und
die klare Absage an alle Formen des Neutralismus, Skeptizismus und Defätismus.
Es heißt in dem Aufruf:
„Millionen
und aber Millionen Menschen in der Welt – Nichtchristen und Christen – stehen …
im Ringen um den Frieden Seite an Seite, erfüllt von der dringenden
Notwendigkeit dieses Ringens, aber auch von der unbändigen Hoffnung auf seinen
Erfolg. Sie alle rufen mit uns in dieser Stunde die Christen in Deutschland …
Die Tiefe der verhängnisvollen Spannungen, die unser Volk und die Welt bedrohen,
empfinden wir alle gemeinsam ... Dennoch gibt es viele Christen, die sich den Anstrengungen
um die Beseitigung dieser Spannungen beharrlich entziehen, und manche Brüder
und Schwestern die in unchristlichem Fatalismus beiseite stehen … Wer heute und
morgen schweigt und in abwartender Abseitigkeit verbleibt, macht sich schuldig
vor dem heiligen Gott, vor seinem Volk und der Geschichte … Wir wollen und
sollen miteinander für Einheit und Frieden beten. Aber wir sind als Christen – jeder
an seinem Platz und besonders die führenden und verantwortlichen Persönlichkeiten
des kirchlichen Lebens – auch gerufen uns dafür einzusetzen, daß Mißtrauen und
Hetze sowie Menschen- und Völkerhaß aufhören und anstelle des Wettrüstens
Verhandlungen zwischen den Großmächten begonnen werden.“
Von
dieser Position aus kam es im Dezember 1952 zu eingehenden Besprechungen
zwischen der Leitung des Christlichen Arbeitskreises und Vertretern des
Präsidiums des Deutschen Friedensrates, die im März 1953 mit dem Beschluß
endeten, daß der Christliche Arbeitskreis künftig seine Tätigkeit voll auf die
Unterstützung der einheitlichen, vom Deutschen Friedensrat repräsentierten Friedensbewegung
orientieren werde und daß er sich als ein Teil von ihr verstehe.[51]
Durch
diese Festlegung wurde zugleich auch eine ernste Krise beigelegt, die seit
Anfang 1953 die Aktivität des Christlichen Arbeitskreises beeinträchtigt hatte.
Einige Mitglieder hatten sich über die angeblich zu schwache Vertretung der Theologen
auf dem Völkerkongreß in Wien beklagt. Kurz zuvor war eine Privatarbeit
„Theologie heute“, die auch Vorschläge zur Reform der theologischen Fakultäten
in der DDR enthielt, im Namen des Christlichen Arbeitskreises verbreitet worden.
Im internen Kreis protestierten Emil Fuchs' und Johannes Herz gegen Inhalt und,
Form des Memorandums. Wenig später lancierten westdeutsche Zeitungen und
Rundfunkstationen die Meldung, daß „die Professoren Herz und Fuchs sich von der
Arbeit des Christlichen Arbeitskreises getrennt (haben), weil dieser
beleidigende Äußerungen über die theologischen Fakultäten gemacht hat“. Zweifellos
handelte es sich dabei um ein genau berechnetes Manöver mit dem Ziel, den
Christlichen Arbeitskreis lahmzulegen. Denn wäre es gelungen, Emil Fuchs und
Johannes Herz aus ihm herauszubrechen, so wäre die Arbeit wieder auf ihre
Anfänge zurückgeworfen worden.
Auf
eine besorgte Anfrage des Sekretariats des Friedensrates, was von der Meldung zu,
halten sei, antwortete Emil Fuchs:
„Nie
habe ich auch nur daran gedacht, meine Mitarbeit im Friedensrat einzustellen – auch
nicht im Christlichen Arbeitskreis … Ich hielt jene Erklärung für eine große
Dummheit ,aber solche Dinge müssen überwunden werden und dürfen einen nicht
dazu bringen, eine gute Sache im Stich zu lassen. Ich habe einst mit Herz
zusammen gegen diese Erklärung protestiert. Aber damit ist die Sache auch für
mich erledigt gewesen.“[52]
In
einer scharfen Stellungnahme verwahrte er sich gegen den Mißbrauch, der mit
seinem Namen getrieben worden war, und es gelang ihm auch, Johannes Herz, dem
die ganze Angelegenheit nähergegangen war, dazu zu bewegen, sich ihr anzuschließen.
So führte diese Störaktion gegen den Christlichen Arbeitskreis im Endergebnis
dazu daß er sich weiter festigte.
Unter
der Losung „Ganz Deutschland muß ein Land des Friedens werden“ fand vom 10. bis
12. Dezember 1953 in Weimar der „Deutsche Friedenstag“ (3. Deutscher
Friedenskongreß) statt. Am ersten Abend der Konferenz führte der Christliche
Arbeitskreis eine Sonderberatung zum Thema „Christliche Verpflichtung im Ringen
um den Frieden“ durch. Einleitend hielt Professor D. Johannes Leipoldt vor
annähernd 250 Theologen und anderen Gliedern christlicher Gemeinden ein sehr
kluges, abgewogenes Referat, in dem er Argumente widerlegte, die immer wieder
gegen die Beteiligung von Christen an der aktiven Friedensarbeit ins Feld
geführt wurden. Doch hatte er seine Ausführungen mit zuviel wissenschaftlicher
Fracht aus der Werkstatt des in aller Weltberühmten Kenners der Spätantike und
neutestamentlichen Zeitgeschichte beladen, als daß es eine spontane Aussprache hätte
anregen können. Ein Teilnehmer der Tagung berichtete wenige Tage später in
einem Brief:
„Die
Debatte kam nur zögernd in Gang. Da griff Prof. Fuchs ein, und in einer ausgezeichneten,
psychologisch sehr wirksamen Darlegung, ausgehend von seinen eigenen
Erlebnissen in der DDR und von den Ereignissen besonders des letzten Jahres,
gelang es ihm, die Westdeutschen zu ausführlichen und oft recht eigenartigen
Darlegungen anzuregen.“[53]
Emil
Fuchs griff die Fragen auf, die damals fast jedem Gespräch des Christlichen Arbeitskreises
mit Gästen aus Westdeutschland und anderen Ländern das Gepräge gaben, nämlich:
Wie ist es mit der Freiheit der Kirche in der DDR bestellt? und: Ist es für den
Christen überhaupt möglich, in irgendeiner Frage mit Marxisten zusammenzuarbeiten
ohne damit dem Atheismus Vorschub zu leisten und, salopp gesagt, „den Ast
abzusägen, auf dem er selber sitzt“? Es ist auch heute noch lehrreich, wie Emil
Fuchs die beiden Fragen zu einem einzigen Problem zusammenzog und wie er sie
aus einer Haltung verantwortlicher politischer Diakonie und zugleich im besten
Sinne existentiell behandelte. Ohne jeden Anflug schwächlicher Apologetik
begann er mit der Feststellung:
„Die
Kirchen sind noch nie so frei gewesen, wie sie heute in der DDR sind. Das sage
ich mit vollem Bewußtsein als ein Theologe, der die Geschichte seiner Kirche
kennt. Sie sind so frei, daß sie in Gefahr sind zu bedrücken. Diese Wahrheit
muß man zunächst sehen. Eine ganz andere Frage ist: Sind alle Christen frei?
Ist jeder Christ, so wie er im täglichen Leben steht, frei? Ich selbst bin
völlig frei, ich habe noch niemals irgend etwas von Druck oder von außen
aufgezwungener Bindung gespürt, seit ich hier bin. Aber wie ist es mit vielen
anderen, mit vielen sogenannten einfachen Christen? Es gibt manchen, der sich
nicht frei fühlt, darüber müssen wir uns klar sein. Doch das liegt nicht daran,
daß da jemand wäre, der ihn binden und vergewaltigen wollte, sondern wir
Christen alle sind hier in der DDR mit unserem Glauben einer gewaltig
leistungsfähigen, die Menschen formenden Weltanschauung konfrontiert, und
dieser Begegnung fühlt sich der Christ häufig nicht gewachsen. Warum nicht?
Weil wir in einer Kirche leben, die das Evangelium predigt, wie sie es seit
hundert Jahren gewohnt ist, die aber die Menschen mit den Fragen, die sich
ihnen heute aufdrängen, völlig allein läßt. Und wenn dann ein so im Stich
gelassener Christ mit einem selbstbewußten Marxisten debattiert, der einfach
sagt: ,Du bist rückständig!’, dann fühlt er sich bedrückt und unfrei und ist
ängstlich und duckt sich und weiß keinen Weg. Selbst Pfarrern geht es so, und
sie schreiben dann ihre Briefe nach dem Westen und beklagen sich darüber, was
hier für ein Druck ist. Ich glaube, wir könnten ihnen helfen, aber das ist
heute noch sehr schwer, denn die gleiche Kirche, die die Fragen ignoriert, vor
denen wir alle heute stehen, sagt zu denen, die uns vielleicht gern um Rat
fragen möchten: Geht nicht zu diesen gottlosen, mit den Marxisten
verschwägerten Theologen! Hier liegt eine große Not, aber sie ist in der Sache
begründet. Sie zu beheben bleibt dennoch unsere Aufgabe. Dazu sind Gespräche
und ist vielfältiger Gedankenaustausch nötig. Das wichtigste aber ist Vertrauen
wecken, herstellen, dem Menschen der anderen Schau des Lebens entgegenbringen.
Es vergeht kein Tag, an dem ich meinen Studenten nicht sage: Das erste, was wir
Christen schuldig sind, ist Wahrhaftigkeit. Sobald wir Mißtrauen erwecken,
führen wir auch kalten Krieg und machen uns schuldig. Dem müssen wir
entgegentreten und entgegenwirken, und ich wünschte mir nur, daß unsere Kirchen
das erkennen würden. Mein Vorwurf ist nicht, daß sie böswillig sind, sondern
daß sie die Sachlage nicht erkennen. Daß sie nicht vertrauen können, das ist
der schwerste Vorwurf, den wir unseren Kirchen machen müssen.“[54]
Im
weiteren Verlauf seiner Rede forderte Emil Fuchs eine Überwindung von
historisch bedingten und von aktuellen Widersprüchen, Mißverständnissen,
Gegensätzen und Schwierigkeiten durch Aktion und Kooperation bei der Lösung der
gemeinsamen praktischen Aufgaben. Auch hier beschränkte er sich nicht auf die
allgemeine Forderung, sondern er faßte das Problem an seinem schwierigsten
Punkte an.
Einige
Wochen zuvor war eine erregte Diskussion über eine von der FDJ herausgegebene
Broschüre entbrannt in der wie Emil Fuchs sagte, „dumme, brutale und einfältige
Angriffe gegen den christlichen Glauben“ enthalten waren. Die Sache ist heute
längst vergessen, sie spielte damals in vielen Aussprachen eine große Rolle.
Einige leitende kirchliche Amtsträger, die der Friedensbewegung feindlich
gegenüberstanden, versuchten unter Hinweis auf diese Schrift, Pfarrer zu
veranlassen, ihre Arbeit in den Friedensräten einzustellen. Emil Fuchs hatte
unmittelbar vor dem Weimarer Friedenskongreß, am 2. Dezember 1953, in einer
Versammlung der FDJ-Gruppe der Theologischen Fakultät in Leipzig ausführlich die
Schädlichkeit der Broschüre nachgewiesen, da sie
„von
christlichen Lesern nicht anders verstanden werden kann, als daß man ihnen die
Fähigkeit abspricht sich positiv in die gesellschaftliche Entwicklung einzureihen
solange sie an ihrem Glauben festhalten. Das heißt aber sie in das Lager des
Gegners treiben.“[55]
In
Weimar aber erklärte er ebenso bestimmt:
„Soll
ich als Christ nun etwa sagen: Jetzt haben diese Marxisten uns wieder so
angegriffen, ich beteilige mich nicht mehr an der Friedensbewegung? Über uns
alle kommt der Krieg, wenn wir ihn nicht verhindern. Sollen wir sagen, es
geschieht dem deutschen Volke ganz recht, wenn der Krieg kommt? Was für ein
Gedanke! Sondern wir sagen den Leuten, die solche Schriften verbreiten, ihr
habt kein Recht, so etwas zu tun, denn ihr sabotiert die Friedensbewegung. Aber
wir gehen weiter in Offenheit und Klarheit unseren Weg. Wir werden nicht
aufhören, zu arbeiten und zu ringen, daß durch das Wachsen der Friedensbewegung
das Vertrauen wächst und auch solche Dinge überwunden werden und umgekehrt,
indem sie eingeschränkt werden, auch wieder die Friedensbewegung wächst.“
Auch
bei der Weimarer Tagung des Christlichen Arbeitskreises sprach übrigens Josef
Hromádka, der als Gast am 3. Deutschen Friedenskongreß teilnahm. Hier, vor
nunmehr zehn Jahren, entwickelte er den Gedanken, der seither oft zitiert und
paraphrasiert wurde:
„Ich
habe keine Angst vor einer gottlosen Welt, ich habe Angst vor einer gottlosen
Kirche. Kirche ohne Gott ist etwas Schreckliches. Eine gottlose Kirche ist eine
Kirche die fortwährend nur Angst hat und die immer nur voller Argwohn auf alles
sieht, was um sie herum vorgeht, und alles meistert und moralisiert.“
Die
Zeit aber, die ihr Signum erhalten habe von zwei schrecklichen Kriegen, die
christliche Völker begonnen und geführt hätten, erfordere Buße,
„eine
tiefe nicht sentimentale, nicht pietistische, sondern existentielle Buße, die
wir heute alle, im Norden, Westen, Süden und Osten tun müssen. Ohne eine
wirklich in die tiefste Tiefe unserer Seele eindringende Buße geht es einfach
nicht. Wer aber einmal so Buße getan hat, verliert alle Lust, zu moralisieren
und über die Welt zu Gericht zu sitzen.“
Der
Weg der Christen heute könne nicht allein durch theologische oder philosophische
Distinktionen bestimmt werden, er werde vor allem bestimmt durch das Zeugnis.
Solch ein Zeugnis in der Welt und für die Liebe Gottes zu dieser Welt könne
aber nur der ablegen, für den die Kirche nicht zur „Zufluchtsstätte der
Feigheit oder Unbeholfenheit“ geworden sei. Freilich: Wer heute zurückschaut,
sich nach den alten Zeiten sehnt, geistig in ihnen lebt und sich um das
Neuwerden nicht kümmert, wer einfach sagt: „Die gottlosen Kommunisten, laßt sie
machen, was sie wollen“, hat es leichter. Er kümmert sich um nichts, und
niemand kümmert sich um ihn:
„Aber
dort zu stehen, wo die Winde wehen, und die ernstesten Fragen der heutigen Zeit
gewissermaßen auf die eigenen Schultern zu nehmen, das ist schwer. Aber wir
müssen das tun und können dem nicht ausweichen.“[56]
Jedem
dieser Sätze ist abzuspüren, daß sie eine bestätigende Antwort auf das waren,
was Emil Fuchs kurz zuvor in der Diskussion gesagt hatte. Die Teilnehmer der
Weimarer Tagung des Christlichen Arbeitskreises baten Emil Fuchs einmütig, dem
Plenum des 2. Deutschen Friedenskongresses über den Verlauf und das Ergebnis
ihrer Beratungen zu berichten. Diesen Auftrag erfüllte er so meisterhaft, daß
ein Delegierter wenige Tage später an das Sekretariat des Deutschen Friedensrates
schrieb, die von Emil Fuchs entwickelten Gedanken seien
„so
lehrreich und so fruchtbar gewesen, daß wir schleunigst ein Forum schaffen
sollten, auf dem solche Gespräche gerade auch mit den westdeutschen
Gesinnungsfreunden fortgesetzt werden können“.[57]
VII.
Will
man ein möglichst umfassendes Bild von der Arbeit zeichnen, die Emil Fuchs in
diesen Jahren für die Friedensbewegung leistete, so genügt es nicht, nur von
seinem Auftreten bei den Kongressen des Deutschen Friedensrates und bei den
zentralen Konferenzen des Christlichen Arbeitskreises zu sprechen. Es ist
nämlich bezeichnend für seine innere Einstellung zu den Problemen des Friedenskampfes
wie wichtig ihm die Arbeit im kleinen Kreis war und wie ernst er sie nahm. Aus
den Jahren 1952 bis 1954 liegt eine umfangreiche Korrespondenz zwischen Emil
Fuchs und dem Berliner Sekretariat des Christlichen Arbeitskreises vor, aus der
zu ersehen ist, mit welcher Gründlichkeit und Sorgfalt er sich auch auf
Gespräche, Referate und Kundgebungen in Kleinstädten und Dörfern vorbereitete.
Alle diese Zusammenkünfte wertete er gründlich aus und suchte ihre typischen
Züge für die Verbesserung der ganzen Arbeit zu nutzen und zu verallgemeinern.
Wieviel
Kraft und Zeit Emil Fuchs neben seinen vielfältigen anderen Verpflichtungen der
Friedensbewegung widmete, ergibt sich, wenn man – willkürlich herausgegriffen –
die Veranstaltungen registriert, an denen er im ersten Quartal des Jahres 1954
teilnahm: Am 16. Januar beteiligte er sich an der Kreisfriedenskonferenz
Leipzig-Stadt, am 20. 1. an der Präsidiumssitzung des Deutschen Friedensrates
in Berlin, am 26. 1. leitete er die Sitzung des Friedensrates der Karl‑Marx‑Universität,
am 30. 1. referierte er im Kreisfriedensrat Geithain. Im Februar verschickte er
selbst etwa hundert Broschüren über den Friedenstag in Weimar an Freunde und
Bekannte in Westdeutschland und im Ausland und verfaßte er eine autobiographische
Skizze für eine Reihe von „Lebensbildern deutscher Theologen“, deren
Veröffentlichung der Christliche Arbeitskreis damals plante. Gleichzeitig
korrespondierte er mit dem Deutschen Friedensrat über die Möglichkeit, Geistliche
aus Westdeutschland zu einem Gespräch in die DDR einzuladen, bei dem die in
Weimar aufgeworfenen Fragen weiter erörtert werden könnten, sowie tschechische
und ungarische Theologen für Vortragsreisen und Gastvorlesungen zu gewinnen. Am
2. März sprach er im Leipziger Universitäts-Friedensrat, am 22.3. im
Arbeitsausschuß des Deutschen Friedensrates, am 26.3. vor den Sekretären der
Fakultätsfriedensräte der Karl-Marx-Universität und am 30.3. auf einem
gesamtdeutschen Forum in Leipzig. Der Bezirksfriedensrat betonte in seinem
Bericht über dieses Gespräch, daß der Beitrag von Emil Fuchs das Gespräch
wesentlich gefördert habe und daß seine Feststellung „Die DDR ist der Kern des
neuen Deutschlands“ für die westdeutschen Gesprächsteilnehmer sehr
eindrucksvoll gewesen sei.
Eine
gründliche Analyse aller dieser Initiativen würde den Rahmen dieser Skizze sprengen.
Sie wurden hier nur erwähnt, um den Hintergrund anzudeuten, vor dem Emil Fuchs
stand, wenn er auf den großen Kongressen und Konferenzen sprach, und der ihm
die genauen Detailkenntnisse vermittelte, die jeder bewunderte, der ihn bei
solchen Gelegenheiten hörte.
Am
28. April 1954 trat Emil Fuchs eine Reise nach Moskau an. In der sowjetischen
Hauptstadt feierte er zwei Wochen später seinen 80. Geburtstag. Diese Reise
schloß den ersten Abschnitt seiner Wirksamkeit im Christlichen Arbeitskreis ab
und eröffnete zugleich einen neuen, wobei er die in der Sowjetunion gewonnenen,
Eindrücke in die Programmatik des Christlichen Arbeitskreises hineintrug und
seiner Fragestellung dadurch eine neue Dimension eröffnete.
Viele
Einsichten und Erfahrungen, die Emil Fuchs in der Friedensbewegung gewann, hat
er wissenschaftlich verallgemeinert und in sein theologisches Spätwerk, die
Summa seines Lebens, sein Vermächtnis an künftige Generationen integriert. Es
ist wahrscheinlich nicht übertrieben, wenn man sagt: Dieses Spätwerk ist
überhaupt nur richtig zu verstehen, wenn man sich darüber klar ist, welche
Rolle die Perspektiven und Probleme der Friedensbewegung während dieser Jahre
im Denken von Emil Fuchs spielten. Diese wichtige Frage muß aber besonders
untersucht werden. Hier wollten wir lediglich auf sie hinweisen. Bereits die
Studie „Marxismus und Christentum“, die erste größere Arbeit, die Emil Fuchs in
der DDR veröffentlichte, enthält tiefgründige Reflexionen über die Friedensbewegung
unter dem doppelten Aspekt: Was bedeuten ihre Existenz und ihre Aktionen für
die Klärung der Situation, aus der heraus und in die hinein der Theologe heute
zu sprechen hat? (Wir haben gesehen, daß das die Frage war, in der es von
vornherein einen umfassenden Konsens zwischen Emil Fuchs und Hromádka gab) und:
Was ergibt sich aus den von der Friedensbewegung aufgeworfenen Fragen für den
missionarischen Auftrag der Christenheit und für die Glaubwürdigkeit ihrer
Verkündigung?
Als
erster deutscher Theologe verarbeitete Emil Fuchs dabei schöpferisch die
marxistische Analyse von den Wurzeln und dem Charakter der Kriege in der
Klassengesellschaft, und es ist bezeichnend, daß er zugleich klar die neue Lage
der Welt begriff, die dadurch charakterisiert ist, daß, seit es sozialistische
Staaten gibt, Kriege nicht mehr schicksalhaft und unvermeidbar sind. So stehen
denn zwar die von ihm zu dem Komplex „Friedensdienst der Kirche und der Christen“
angestellten Erörterungen unter der Kapitelüberschrift „Der Krieg“. Aber vom
Krieg selbst ist dann nur noch so die Rede, daß gefragt wird, wie er verhindert
und aus dem Leben der Völker endgültig ausgeschaltet werden kann. Die ganze
Kasuistik überlieferter Ethiken, wie sie besonders nach dem ersten Weltkrieg
üppig ins Kraut geschossen war – Welches Verhalten ist dem Christen im Kriege
geboten? An welchen Kriegen kann oder soll er sich beteiligen? Wann darf er das
nicht tun? – wird von Emil Fuchs entschlossen beiseite geschoben und durch die
zentrale Frage nach der Verantwortung des Christen für die Sicherung des
Friedens ersetzt:
„Die
fruchtbaren Erkenntnisse der gesellschaftlichen Wirklichkeit, die der Marxismus
gefunden hat, fordern von uns allen eine neue Einstellung, einen neuen Willen
und ein neues, mutvolles Handeln, um ein Stück Sündennot der Menschheit zu
bezwingen. Auf Entwicklungsgesetze der Gesellschaft gegründet, ist es die
Politik eines der größten Machtgebilde der Menschheit, des Bundes der
Sowjetrepubliken, die geistigen Kräfte der Menschheit aufzuwecken, durch ihr Eintreten
den Ausbruch des dritten Weltkrieges unmöglich zu machen.“
Und
dann folgt wieder eine charakteristische Wendung:
„Es
ist als ob dieser Staat uns riefe, ihn selbst davor zu schützen, seine
Machtmittel im Kriege anwenden zu müssen. Das ist ein erstmaliges und
einzigartiges Geschehen in der Menschheitsgeschichte.“[58]
Im
zweiten Band der „Christlichen und marxistischen Ethik“ hat Emil Fuchs diese
Gedanken weiter ausgeführt, ohne daß er den Ansatz noch einmal zu korrigieren
brauchte:
„Nicht
dann fällt die Entscheidung, wenn wir vor die Frage gestellt werden, ob wir
mitkämpfen wollen oder uns von denen isolieren, die das Gewonnene verteidigen.
Sie fällt heute in der Frage, ob wir alle unsere Kräfte, unseren Mut, unsere
Arbeit und Mühe einsetzen, daß der Glaube an die Gewalt überwunden und der Weg
zur Verständigung und damit der Frieden gefunden wird. Jeder Christ, die ganze
Christenheit muß wissen, daß ihre Botschaft und ihr Tun entscheidend dafür
sind, ob dieser Weg begangen wird. Tun Sie das Ihre nicht, so kann keine
individuelle Entscheidung, sich selbst rein zu halten von der furchtbaren Sünde
des Tötens, die Mitschuld ersparen an der Schuld derer, die in sie
hineingerissen werden. Ja, die Schuld derer, die sehen sollten, wozu Jesus uns
ruft, wird dann, auch wenn sie den Kriegsdienst verweigern, schwerer wiegen als
die Schuld derer, die wir in die Sünde hineinschlittern ließen.“[59]
Dieser
Gedanke steht im Zentrum aller theologischen und aller sonstigen begrifflichen
Arbeit, die Emil Fuchs der Friedensbewegung gewidmet hat. Er fand seine bisher
letzte Formulierung in dem Diskussionsbeitrag auf der Görlitzer Konferenz,
womit Emil Fuchs einen Bogen über zehn Jahre seiner Arbeit für den Frieden im
Christlichen, Arbeitskreis schlug:
„Wenn
die anderen kämpfen müssen – hat einer dann kein Blut an den Händen? Wir haben
alle Blut an den Händen, auch die nicht im Krieg gewesen sind. Ich weiß, daß
ich auch Blut an den Händen habe, weil meine Mitmenschen kämpfen mußten und ich
nicht die Kraft hatte Ihnen zu helfen, daß sie es nicht mußten. Wer dabeisteht
und nichts tun kann, um das zu hindern, der ist mitschuldig, ob das Blut nun an
seinen eigenen Händen oder an den Händen der anderen klebt. Wir wollen uns da nichts
vormachen. Auch die Kriegsdienstverweigerung ist kein Unschuldigwerden, sondern
wenn der Krieg käme, wären die Kriegsdienstverweigerer schuldig wie wir alle,
da wir in der Welt stehen und diese Welt mit unseren Kräften und unserem
Verstande und unseren Gedanken nicht hätten hindern können, diesen Weg zu
gehen.“[60]
Daß
die Christenheit nach anderthalb Jahrtausenden babylonischer Gefangenschaft in
Konstantinismus und Kriegstheologie heute nichts nötiger braucht als eine
Theologie des Friedens, ist in den letzten Jahren beinahe zu einem Gemeinplatz geworden.
Emil Fuchs hat das nicht nur schon lange erkannt, er hat auch geholfen, die
Grundlagen für eine solche Theologie zu legen, und er hat unverlierbare
Beiträge für sie entwickelt, als diese Einsicht noch keineswegs so verbreitet war
wie heute. Sie werden immer mit den Anfängen des Christlichen Arbeitskreises im
Friedensrat der Deutschen Demokratischen Republik verbunden bleiben, der sich
von den Einsichten leiten läßt, die Emil Fuchs in seinem Beitrag für die
Festschrift zum 80. Geburtstag von Walter Friedrich in die Sätze faßte:
„Christliche
Friedensarbeit kann sich nicht beschränken auf den religiösen und kirchlichen
Raum kann sich in ihm nicht erschöpfen. Ist der Ruf einmal gehört, das Gebot
der Stunde erkannt, dann können die Christen nicht tätig sein in der Abkapselung,
sondern müssen sich einreihen in die umfassende Aktionseinheit aller die nur
durch ihre Gemeinsamkeit die Wohlfahrt und eine glückliche Zukunft der
Menschheit sicherstellen können …
Ich
erblicke die große historische Leistung der Weltfriedensbewegung darin, daß sie
es vermochte, die Wissenschaftler zu diesem Werke zusammenzuführen die Klammer
für christliche Friedensarbeit und zugleich den Anschluß an die kämpfende
Arbeiterklasse zu finden, die das Ringen um den Frieden, um eine Welt ohne
Waffen auf ihre Fahne geschrieben hat.
Dem
Theologen sei gestattet, mit einem Ausblick zu schließen, was eine echte Umkehr
für die Christenheit bedeuten könnte. Ihr würde der Weg geöffnet zu einer neuen
Begegnung mit Jesus von Nazareth, seinen Verheißungen und seinem Auftrag. Die
Begegnung mit dem Gekreuzigten und Auferstandenen weckt jene Kräfte, die Mut
und Gewissensantrieb wirken, mit den Brüdern und Schwestern aus allen Gegenden
der Welt zu ringen um die Klarheit und Wahrheit unserer Schau der Weltlage und
Weltzukunft und des Dienstes, der den Christen aufgegeben ist.
Je gewissenhafter wir uns als Christen allem dem stellen
und dabei in der Begegnung mit dem Herrn bleiben, der uns zu seiner Wahrheit
und Wahrhaftigkeit, zu seiner Liebe zu jedem Menschen und jedem Volk ruft und
zur Förderung des Friedens für alle und mit allen, desto stärker werden wir mit
unserem Volk und unserem Staat verbunden sein und ihnen zum Segen werden
können. Wir können dann ein Hinweis sein auf jene Kräfte, die im Innern und
nach außen die Völker zur Wahrheit und zum Frieden leiten.“[61]
Anhang
Die
im folgenden abgedruckten Reden und Erklärungen sollen einen Eindruck von dem
Denken und Wollen der Theologen vermitteln, die sich der Friedensbewegung
bereits in ihrer ersten Entwicklungsphase angeschlossen hatten. Die Reflexionen
und Erfahrungen, die sich in diesen Dokumenten niedergeschlagen haben,
verdienen nicht nur die Aufmerksamkeit des Historikers, sie sind bemerkenswert
und hilfreich für jeden, der die gegenwärtige Diskussion über das glaubwürdige Friedenszeugnis
der Christenheit richtig verstehen will. Hervorzuheben ist vor allem die
Orientierung auf das positive Leitbild einer dauerhaften Friedensordnung, die
bereits, an diesen, fast anderthalb Jahrzehnte alten Dokumenten abzulesen ist.
Aber
auch die für die Weltchristenheit heute so brennende Frage nach dem Kriterium
ihrer Einheit wurde bereits damals gestellt, und es wurde auch die Richtung
angedeutet, in der die Antwort zu suchen ist. So sagte etwa Karl Kleinschmidt
im Juni 1950 in Dresden: „In Paris auf dem Weltfriedenskongreß sind Vertreter
aller christlichen Konfessionen der verschiedensten Länder der Erde versammelt
gewesen. Dort war der Friede der Konfessionen da, weil der Wille zur
Verwirklichung des Friedens auf Erden allen gemeinsam war … Was uns miteinander
verbindet, und was den Frieden der Konfessionen verwirklicht, das ist die
Tatsache, daß wir gemeinsam auf dem Boden der Weltfriedensbewegung stehen …“[62] Was hier lapidar formuliert
worden war, das hat den Christlichen Arbeitskreis in den folgenden Jahren oft
und mit wachsender Intensität beschäftigt, z. B. auch, als er im Mai 1960 die
Bilanz seiner Dresdener Konferenz „Der deutsche Beitrag für die Beendigung des
kalten Krieges – für Koexistenz, Entspannung und allgemeine Abrüstung“ zog.
„Zwei
Erscheinungen bestimmen gegenwärtig das Bild der Christenheit,“ heißt es im
Vorwort zum Protokoll dieser Tagung, „wenn man nicht so sehr eine einzelne
Konfession oder ein einzelnes Land betrachtet, sondern die gesamtchristliche
Lage, und wenn man andererseits die Aufmerksamkeit weniger auf die Probleme im
Verhältnis der Christen zur Gesellschaft richtet, sondern auf der im engeren
Sinne kirchlichen Ebene verbleibt: Einmal zeigt sich überall der Wille zur
Herstellung und Darstellung der christlichen Einheit, der ‚Una saneta’. Zum
anderen aber zeigt sich die Ohnmacht, die historisch entstandenen und
dogmatisch, kirchenrechtlich und gewohnheitsmäßig zementierten Spaltungen legitim
und positiv zu überbrücken.
Überblicken
wir die Vorgänge innerhalb der Weltchristenheit im Zeitraum der letzten
Jahrzehnte, so gibt es kaum Ereignisse, die Vertreter aller Konfessionen auf
einem gemeinsamen Boden zusammenführten. Unter den bedeutungsvollen Ausnahmen
jedoch hebt sich eine besondere Gattung allchristlicher Zusammenkünfte heraus:
Jeder Weltkongreß der Friedensbewegung umfaßte bisher auch eine Sondertagung von
Theologen und Amtsträgern der christlichen Kirchen und Denominationen. Auf
ihnen nun wurde sichtbar, was wir die ‚Ökumene des Friedens’ nennen mochten: eine
alle innerchristlichen Unterschiede überbrückende gemeinsame Basis derer, die
aus dem christlichen Glauben heraus auch eine christliche Verantwortung für den
Frieden erkennen und bejahen und diese in gemeinsamen Beratungen, gemeinsamen
Erklärungen und gemeinsamen Aktionen wahrzunehmen suchen.
Natürlich
ist diese ‚Ökumene des Friedens’ umfassender, als jede bisherige
Friedenskonferenz von Christen sie hätte zur Anschauung bringen können, sei sie
nun auf dem Boden der Weltfriedensbewegung oder sei sie in einem anderen Rahmen
durchgeführt worden. Die ‚Ökumene des Friedens’ ist ein Weltphänomen unseres
Zeitalters. Die Friedensbewegung will diesen Begriff weder einschränken noch
monopolisieren …
Was
aber ist das Geheimnis der Tatsache, das auf dem Boden der Friedensbewegung
möglich ist … was sich allgemein im gesamtchristlichen Bereich als nahezu
unerreichbar erweist? Die Erfahrungen des Bemühens um die christliche Einheit
haben ergeben, daß es sich bei den Dingen, die die Konfessionen voneinander
trennen, nicht lediglich um abstrakte und damit unlebendige, tote Begriffe und
Schemata handelt. Die Wirksamkeit der trennenden Faktoren ist darin begründet,
daß es sich um reale Kräfte handelt, die die Trennung bewirken. Nur eine Sache
von noch größerer Dynamik kann diese Kräfte überwinden.
Hinzu
kommt daß die konfessionellen Unterschiede zwar die augenfälligsten, aber nicht
die einzigen Kräfte sind, die in Vergangenheit und Gegenwart die Christenheit spalteten
und spalten. Die nationalen und die sozialen Gegensätze der Neuzeit fanden zwar
kaum einen formulierten dogmatischen, bekenntnismäßigen Ausdruck. Aber faktisch
führten sie zuweilen tiefere Trennungen herbei als die Unterschiede des Dogmas,
des Kultus und der kirchlichen Jurisdiktion. Denn was kann eine tiefere
Trennung ausdrucken als die unter nationalistischen Losungen geführten Kriege,
in denen sich Glaubensbrüder desselben Bekenntnisses gegenseitig hinschlachten?
Nur wenig geringer ist die Kluft, die der kalte Kirchenkrieg als spezifische
Form des psychologischen Krieges, der von den Rüstungsinteressenten ausgelöst
wurde und immer noch gegen die sozialistischen Staaten geführt wird, zwischen Kirchen
und Christen desselben Bekenntnisses aufgerissen hat.
Zu
den ökumenischen Bestrebungen zählt man daher mit Recht auch diejenigen, deren
Anliegen es ist, die nationalen Differenzen zwischen Christen und Kirchen
gleicher oder verschiedener Konfession zu überbrücken und im Zeitalter einer in
zwei Lager geteilten Welt der Ost-West-Verständigung zu dienen. Es ist kein
Zufall, daß in der Annäherung der protestantischen Kirchen verschiedener Länder
der ‚Weltbund für Internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen’ eine
hervorragende Rolle spielte und zu einem Quellstrom der ökumenischen Bewegung
wurde. Im katholischen Bereich sind es verschiedene Bewegungen für den Frieden
gewesen, die wesentlich mithalfen, über das Bewußtsein der Einheit im Dogma und
im päpstlichen Primat hinaus das Gefühl lebendiger Zusammengehörigkeit zu
wecken … Wenn schließlich nach 1945 die verschiedenen Zusammenkünfte der
Häupter autokephaler orthodoxer Kirchen in Moskau die Zusammengehörigkeit der
orthodoxen Welt sinnfällig dokumentierten, so war es gleichfalls der
Friedensgedanke, der vom Balkan und aus dem Vorderen Orient Patriarchen und Metropoliten
zusammenführte.
So
lehrt die Kirchengeschichte der jüngsten Zeit, daß die Sache des Friedens jene
dynamische Kraft darstellt, die die konfessionellen und nationalen Unterschiede
der Christenheit an die zweite und dritte Stelle rückt und diese Differenzen,
ohne sie in falschem Nivellierungsstreben aufheben zu wollen, so überbrückt,
daß sie nicht mehr spaltend wirken, sondern eine Mannigfaltigkeit
konstituieren, ohne die aus Einheit Uniformität und Monotonie würde.
Es
ist eine der bemerkenswertesten Erscheinungen des gesamtchristlichen Lebens der
Gegenwart, daß in allen Kirchen und in allen Ländern die Erkenntnis von der
Notwendigkeit erwacht ist, daß die Christen für den Frieden eintreten müssen,
Das geschah spontan und anfänglich ohne Fühlung und ohne Kenntnis voneinander.
So setzt denn auch die Argumentation, die diese Notwendigkeit begründet an
verschiedenen Punkten an. Die eine Art der Begründung geht aus vom biblischen
Wort, die andere von der Gefährdung der Menschheit durch die internationale
Situation, die dritte appelliert an die Christen und Nichtchristen gemeinsame Vernunft
in Weltdingen und an das auch dem Christen nicht fremde humanitäre Ethos
profanen Charakters, die vierte schließlich leitet aus der Bruderschaft der
Gläubigen und dem Universalismus der Kirche den Auftrag zum Friedeschaffen ab.
Bei
jeder christlichen Friedenskonferenz ist es dabei immer wider beglückend zu
erleben, daß bei aller Verschiedenheit der Ausgangspunkte sich die
Gedankenlinien In einem Zentrum sammeln …
Das
beweist: Die Arbeit für den Frieden ist auch in ihrer organisierten Form, wie
sie die Weltfriedensbewegung vertritt, keine Schablone. Weil es sich um die
elementarste und einfachste Sache des menschlichen Lebens handelt, schöpft sie
aus der echten, der unmittelbaren und individuell gewonnenen Erkenntnis jedes
einzelnen christlichen Kampfers für den Frieden. Sie ist für jeden seine
persönliche Sache, und das Bekenntnis zu ihr trägt auch die persönlichste Färbung.
Und dennoch ist sie das Allgemeinste und Umfassendste, das alle umschließt.
Zweierlei zeigte sich in Dresden, wie überall wo es um den Frieden geht: Daß diese
Sache, die größte Weite und zugleich die größte Integrationskraft besitzt. Weil
das so ist, darum reicht über alle institutionellen Zusammenschlüsse und
Beziehungen der Kirchen und der Christen hinaus die Ökumene des Friedens.“[63]
Einen
ähnlichen Gedanken hat auch Gerhard Bassarak in seinem Diskussionsbeitrag „Über
Maßstäbe kirchlicher Einheit“ auf der Konferenz des Christlichen Arbeitskreises
in Görlitz entwickelt, wenn er sagte: „In einigen Gremien der Prager
Christlichen Friedenskonferenz wird die Frage diskutiert, ob es theologisch
erlaubt ist, die Einheit der Kirche zum Thema zu machen. Im Neuen Testament ist
die Kirche und ihre Einheit sich selbst niemals Thema. Kirche und Einheit sind
einfach da. Es könnte sein, daß einer Kirche, die sich energisch ihrer Aufgabe
zuwenden würde, Kirche für die Welt zu sein, die also die Welt und ihre
Existenz in der Welt als Thema entdecken würde, die Einheit zufiele.
Das
ist keine theoretische Diskussion. Wir haben es bei den Christlichen Friedenskonferenzen
und bei der 1. Allchristlichen Friedensversammlung erlebt, wie die Bemühungen
um den Frieden der Welt Christen aus aller Welt, aus vielen Ländern und aus
Kirchen verschiedener Bekenntnisse verband und einte.“[64]
Es ließen sich noch andere Linien ziehen, die die von
den Friedenspastoren Anfang der fünfziger Jahre entwickelten Überlegungen mit
aktuellen Bemühungen verbinden, die Basis ständig zu erweitern und theologisch
immer tiefer zu begründen, von der aus heute Handeln und Denken der Christen
für eine dauerhafte Friedensordnung, die auf Vertrauen und Verträgen beruht,
erfolgen kann und sollte. Wir verzichten darauf, das im einzelnen zu zeigen, da
wir meinen, daß sich diese Verbindungslinien dem Leser von selbst aufdrängen
werden.
Johannes Herz:
Erwägungen eines Theologen zur Frage des Friedens
Rede auf der Konferenz sächsischer
Friedenspfarrer in Dresden am 27. Juni 1950
Es
gilt für meinen Vortrag, zunächst einmal klarzustellen, was hier mit dem Worte
Frieden gemeint ist, und zu welcher Art von Friedlosigkeit man das Wort Friede
in Gegensatz stellt. Das ist wichtig, weil vielfach denen, die für die Ächtung
des Krieges und für die Herstellung eines allgemeinen Friedenszustandes
eintreten und eingetreten sind, entgegengehalten worden ist: Alle eure
Bestrebungen sind eine wirklichkeitsfremde Utopie, denn das Leben ist nun
einmal Kampf, Kampf ums Dasein, und darum wird es trotz aller eurer Bemühungen
immer wieder Krieg geben, darum sind aller Versuche zu einer Abschaffung des
Krieges von vornherein ein aussichtsloses Unternehmen.
Sie
alle werden solche Einwendungen schon gehört haben. Auch mir sind sie immer
wieder einmal zu Ohren gekommen. Diesem oft gehörten Einwande liegt aber eine
Begriffsverwechslung von Kampf und Krieg zugrunde, mit der endlich einmal
aufgeräumt werden muß. Es muß ganz klar unterschieden werden zwischen Kampf und
Krieg. Kampf gehört zum Leben. Das Leben des Menschen ist zu allen Zeiten ein
Leben des Kampfes gewesen, des schweren Abwehrkampfes, den der primitive Mensch
gegen die zerstörenden Naturgewalten zu führen hatte, des harten
Arbeitskampfes, in dem der Bauer seinem Boden den Ertrag abringen mußte, und
heute vor allem ein Leben voll des geistigen Kampfes um wirtschaftliche und
politische, wissenschaftliche und weltanschauliche Fragen, in die der moderne
Mensch ja in vielfältiger Weise hineinverflochten ist. Auch der Klassenkampf
gehört in diese Reihe berechtigter Kämpfe und besitzt von da aus gesehen seine
geschichtliche Notwendigkeit. Ohne Kampf gäbe es keinen Fortschritt. Ohne Kampf
würde unser Dasein von unerträglicher Eintönigkeit, würde die Welt eine Welt
des Todes und nicht des Lebens sein. Mensch sein heißt Kämpfer sein, und auch
Christ sein heißt Kämpfer sein.
Alle
Propheten, und auch Jesus, sind Kämpfer gewesen und haben ein Leben des Kampfes
geführt gegen Ungerechtigkeit und Unwahrhaftigkeit, gegen Herrschsucht und
Selbstsucht, gegen Oberflächlichkeit und Leichtsinn, ein Leben des Kampfes für
die Mühseligen und Beladenen, für die Armen und Geringen, für die Unterdrückten
und Ausgebeuteten. Und sie haben in solchem Kampf oft die schärfsten Worte
gebraucht. Mensch sein heißt Kämpfer sein.
Aber
Mensch sein heißt nicht Krieger sein, denn nicht jeder Kampf ist Krieg, sondern
– das müssen wir genau festhalten – Krieg ist nur eine besondere Art des
Kampfes, nämlich der Kampf, der mit Vernichtungswaffen und mit der Absicht der
Vernichtung des Gegners geführt wird. Kampf muß sein, aber Krieg muß nicht
sein. Krieg ist eine des Menschen unwürdige Kampfesart, die vermieden werden
muß und vermieden werden kann, weil sie vom Willen des Menschen abhängig ist.
Denn
Krieg ist keine zwangsläufige Notwendigkeit, sondern eine mörderische und
unmoralische Kampfesart, die vom Menschen ohne absolut zwingende Gründe aus
mancherlei Motiven herbeigeführt wird. Weil der Krieg von Menschen
herbeigeführt wird, darum kann er auch von Menschen verhindert werden. Dieser
grundsätzliche Unterschied zwischen Kampf und Krieg zeigt sich vor allem auch
darin, daß die Menschen nicht gegenüber dem Kampf, wohl aber gegenüber dem
Krieg immer ein böses Gewissen hatten und haben.
Wo
zwei Staaten in Krieg miteinander gerieten, haben immer alle beide versucht,
den anderen als Urheber und Anfänger des Krieges hinzustellen und ihm die
Schuld am Kriege zuzuschreiben. Von einer Schuld kann aber immer nur dort
geredet werden, wo unser Handeln nicht von äußeren Faktoren zwangsläufig
bestimmt ist, sondern wo es von unserer Entscheidung abhängig ist und wo wir
auch anders hätten handeln können. Auch von hier aus gesehen, erweist sich die
scharfe Unterscheidung zwischen Kampf und Krieg als dringend notwendig.
Aber
noch ein anderer Einwand könnte gegen unsere Fragestellung erhoben werden,
nämlich der Einwand: Was hat die christliche Theologie mit einer so weltlichen
Angelegenheit wie der Bekämpfung des Krieges und dem Einsatz für den Frieden zu
tun? Wendet sich die Religion nicht lediglich an den einzelnen Menschen, so
sagen manche, will sie ihn nicht aus seinen Verflechtungen mit der Welt
herausholen um seine Seele mit der geheimnisvollen Macht, die hinter allem
Leben steht, mit Gott, in Verbindung zu bringen?
Solche
weltfremde und weltflüchtige Stimmung hat, wie übrigens in fast allen
Religionen, auch immer wieder einmal im Christentum geherrscht. Aber sie
entspricht in keiner Weise dem Evangelium Jesu und dem, was Jesus mit seiner
Verkündigung gewollt hat. Jesu Verkündigung war weder weltfremd noch
weltflüchtig. Jesus hat sich von seiner Umwelt nicht abgesondert, er hat nicht
in einem Traumland irgendwelcher Ideologien gelebt, sondern er hat, wie nur
irgendeiner, nüchternen Wirklichkeitssinn gehabt. Jesus hat auch den Menschen
nie isoliert, sondern immer in seiner Verflechtung die Gemeinschaft und in
seiner Verpflichtung für de Gemeinschaft gesehen. Dafür sind, neben vielen
anderen, vor allem die Gleichnisse Jesu mit ihren anschaulichen Beispielen aus
dem täglichen Leben, aus den Arbeitsverhältnissen, aus den wirtschaftlichen
Verhältnissen und gelegentlich auch aus den politischen Verhältnissen seiner
Zeit deutliche Beweise. Und Jesus hat immer wieder seinen Jüngern das Wirken in
der Welt und auf die Welt hin zur Pflicht gemacht, am deutlichsten mit seinem
Wort: Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt (Matth. 5, 13
ff.). Das heißt: Ihr sollt euch mit eurem Christentum nicht absondern und
verstecken, sondern sollt eure christliche Überzeugung tapfer und unerschrocken
in der Welt zur Geltung bringen.
Auch
der Einwand besteht nicht zu Recht, daß zwischen den politischen und
wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Zustanden der Zeit Jesu und
unserer Zeit ein so großer Unterschied sei, daß die Richtlinien, die Jesus den
Menschen seiner Zeit für ihr Handeln gegeben hat, für uns nicht mehr wegweisend
sein können. Daß dieser Einwand falsch ist, davon habe ich mich persönlich
überzeugen können als es mir vor 23 Jahren vergönnt war, zu Studienzwecken ein
Vierteljahr in Palästina zubringen zu dürfen. Die neueren Forschungen über die
politischen und wirtschaftlichen kulturellen und religiösen Verhältnisse im
Vorderen Orient im Zeitalter Jesu haben diese Anschauung als irrig erwiesen. Die
soziale Umwelt, in der Jesus lebte, hat vielmehr mit der Umwelt, in der wir
heute leben, manche überraschende Ähnlichkeit und mit den gesellschaftlichen
Problemen die uns heute beschäftigen, hat sich auch Jesus auseinanderzusetzen gehabt.
Er
lebte in einem Lande, das unter fremder Besatzungsmacht stand, er lebte in
einem Lande, in dem die sozialen und wirtschaftlichen Gegensätze, die
Gegensätze zwischen dem Großgrundbesitz und der Armut außerordentlich scharf
waren, er lebte, wie wir gegenwärtig, in einem Lande in dem nebeneinander zwei
Währungen herrschten, nämlich das römische und das kleinasiatische Geld, und
zwar bunt durcheinander, nicht einmal mit der Trennungslinie die wir heute haben.
Zwar waren die jahrzehntelangen blutigen Kriege im römischen Reich mit dem Sieg
des Augustus über seine Nebenbuhler zu einem gewissen Stillstand gekommen, aber
wie uns der jüdische Schriftsteller Josephus, ein Zeitgenosse Jesu, in seinen
beiden Geschichtswerken berichtet, kam es an den Grenzen des Reiches noch
öfters zu kriegerischen Auseinandersetzungen, und vor allem war das Land
Palästina ein Herd ständiger Unruhen. Von Barrabas, der zur Bestätigung des
gegen ihn ergangenen Todesurteils zusammen mit Jesus vor den römischen
Prokurator gebracht wurde, wird in den Evangelien erzählt, daß er mit
Aufrührern zusammen gefangen worden sei und während des Aufruhr einen Mord
begangen habe.
Also
Jesus wußte um gewaltsame Auseinandersetzungen mit der Waffe, er wußte, was
Krieg war und bedeutete. Aber in diese aufgeregte und unruhige, von politischen
Gegensätzen und wirtschaftlichen Spannungen erfüllte Welt stellte Jesus klar
und bewußt eine Botschaft des Friedens hinein, und zwar eines Friedens, der
nicht nur den inneren Seelenfrieden für den einzelnen Menschen, sondern auch
einen Weltfriedenszustand im Auge hatte. Als Friedensbotschaft ist das
Evangelium Jesu von Anfang an von den Menschen seiner Zeit empfunden worden.
Das zeigt der Rahmen, in den in den Evangelien die Überlieferung des Lebens und
Wirkens Jesu gestellt worden ist: „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden
Friede unter den Menschen“, so steht es im Lukasevangelium über dem Eingang des
Lebens Jesu. „Friede sei mit euch“, das war nach dem gleichen Evangelium sein
Abschiedswort an seine Jünger. Wenn wir das, was uns von der Verkündigung Jesu
erhalten geblieben ist, durchsehen, so finden wir, daß durch diese ganze Verkündigung
eine scharfe Absage an alle Gewaltanwendung und ein unermüdlicher Kampf für den
Frieden hindurchgeht.
Das
alte Wort „Du sollst nicht töten“ – du sollst Respekt haben vor dem Leben
deines Mitmenschen, es soll dir heilig sein – hat Jesus nicht nur in seiner
ganzen Unbedingtheit bestehen lassen, sondern er hat es auch erweitert auf
solche „Fälle, in denen es sich nicht um das handelt, was wir im allgemeinen
Mord oder Totschlag nennen, sondern wo ein Jähzorniger unbewußt zum Totschläger
wird, oder wo jemand einen seiner Mitmenschen durch die mörderischen Waffen der
Gehässigkeit und Verleumdung zu Tode ärgert (Matth. 5, 22). Den Grundsatz der
Vergeltung „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, der das ganze Altertum beherrschte und
der dort selbstverständlich war, aber natürlich zum Kriege ohne Ende führte,
hat Jesus ausdrücklich verworfen und an die Stelle des üblichen, „Wie du mir,
so ich dir“ den christlichen Grundsatz gestellt, durch Großmut den Gegner
moralisch zu beschämen und innerlich zu überwinden (Matth. 5, 38 ff.). Die
selbstverständliche Forderung der Nächstenliebe hat Jesus auf die Feindesliebe ausgedehnt und diese seine
Auffassung damit begründet, daß Gott die Sonne scheinen läßt über Gute und Böse
und regnen läßt über Gerechte und Ungerechte (Matth. 5, 44 ff.). Die Friedensstifter
hat Jesus selig gepriesen und seinen Anhängern geboten: Habt Frieden untereinander“
(Mark. 9,50). Alle Gewaltherrschaft, die Jesus in seiner Umwelt vorfand, hat er
abgelehnt und ersetzen wollen durch eine Herrschaft, die nicht nur durch
äußeren Zwang aufgerichtet, sondern durch Dienst und Opfer erworben wird (Matth.
20, 25). Und als bei seiner Verhaftung einer seiner Begleiter zur Verteidigung
sein Schwert zog, hat Jesus, wie in allen vier Evangelien berichtet wird, dem
Einhalt geboten mit dem Worte: „Stecke dein Schwert in die Scheide, denn alle,
die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen“ (Matth. 26, 52 und
Parallelen), ein Wort , das dann im letzten Buche des Neuen Testaments noch
einmal aufklingt in der Formulierung: „So jemand mit dem Schwerte tötet, der
muß mit dem Schwert getötet werden (und) durch das Schwert umkommen“ (Offenb.
13, 10). Auf vielen Seiten des Neuen Testaments wird immer wieder zum Frieden
geraten, wie z. B. von Paulus im Römerbrief mit den Worten: „Ist es möglich, so
viel an euch ist so habt mit allen Menschen Frieden“ und „Laßt uns dem
nachstreben das zum Frieden dient“.
Bei
diesem geschichtlichen Tatbestand sollte eigentlich über die Verpflichtung der Christen
zum Kampf für den Frieden und über die Pflicht zur uneingeschränkten Ablehnung
des Krieges durch die christliche Kirche kein Zweifel sein.
Das
ist auch im Urchristentum die einmütige Überzeugung und Haltung gewesen. In keiner
Weise, das ist bezeichnend, haben sich die Christen der jungen
Christengemeinden, auch die Judenchristen nicht, an dem jüdischen Aufstand
beteiligt, der etwa 35 Jahre nach Jesu Tod in Palästina ausbrach und
schließlich im Jahre 70 zur Belagerung und Zerstörung Jerusalems durch Titus
führte. Auch der Kriegsdienst, der ja damals, als es noch keine allgemeine
Wehrpflicht gab, freiwillig war, wurde von den Christen zumeist abgelehnt und
noch um das Jahr 200 hat der christliche Schriftsteller Tertulllian besonders scharf
die Unmöglichkeit betont, gleichzeitig Kriegsdienst zu leisten und Christ zu
sein, und den Satz geprägt: „Christus hat uns das Schwert weggenommen“. Schon
bei ihm finden wir alle die Einwände gegen Krieg und Kriegsdienst die dann
später von einzelnen christlichen Gruppen, wie den Mennoniten und Quäkern, und
von einzelnen religiösen Persönlichkeiten, wie Tolstoj und Gandhi aufgenommen und
weitergetragen worden sind.
Dieser
ursprüngliche klare Standpunkt wurde dann freilich von der christlichen Kirche
preisgegeben, als sie seit Konstantin Staatskirche geworden war und dadurch
immer wieder auch in die staatliche Kriegspolitik mit hineinverflochten wurde.
Für die mittelalterliche Kirche war der Krieg kein Problem mehr, sondern eine
unvermeidbare und unausweichliche Sache. Nur von einigen kleinen christlichen
Gemeinschaften im Mittelalter, von den Waldensern und den böhmisch-mährischen
Brüdern, wurde der Krieg abgelehnt.
Für
den Protestantismus war es eine Tragik geschichtlichen Geschehens, daß er bald
nach seiner Entstehung durch vier geschichtliche Ereignisse in kriegerische Auseinandersetzungen
hineinverflochten wurde: durch den Bauernkrieg, den Türkenkrieg, den
Schmalkaldischen Krieg und den Dreißigjährigen Krieg. Das hat für lange Zeit
eine zwiespältige Haltung des deutschen Protestantismus zum Kriegsdienst und
zum Kriegsproblem zur Folge gehabt, eine zwiespältige Haltung, die auch noch
1925 auf der Stockholmer Weltkirchenkonferenz in der Haltung der Mehrzahl der
deutschen Delegierten in Erscheinung trat. Aber in steigendem Maße hat sich in
den letzten Jahren der deutsche Protestantismus wieder darauf besonnen, daß die
Botschaft Jesu, die für die geistige Haltung der evangelischen Kirche
grundlegend ist oder wenigstens grundlegend sein sollte, die christliche Kirche
unbedingt zum Kampf gegen den Krieg und zum Einsatz für den Frieden verpflichtet.
Dazu
haben nach meinen Beobachtungen vor allem drei Momente beigetragen: einmal die
Tatsache, daß die evangelische Kirche in den letzten Jahrzehnten zu ihrem
Vorteil von alten geschichtlichen Bindungen an dynastische oder an
kapitalistische Interessen weithin frei geworden ist, zum anderen die Tatsache,
daß die beiden Weltkriege in ihrer räumlichen und zeitlichen Ausdehnung die
ganze Furchtbarkeit des Krieges in einem früher nicht bekannten Ausmaß enthüllt
haben, zum dritten die Tatsache, daß durch die moderne technische Entwicklung
der Vernichtungswaffen der Krieg jeden Schimmer von Heroismus verloren hat und
zu einem mechanisierten Massenmorden geworden ist.
Schon
nach dem ersten Weltkriege haben im Raume der Kirche einzelne führende
Persönlichkeiten für den Weltfrieden zu wirken versucht, so z. B. der Pädagoge
Friedrich Wilhelm Förster in seinem heute leider viel zuwenig bekannten Buch „Weltpolitik
und Weltgewissen“, in dem er sich vor allem für die Erziehung der Jugend zu
ethischer Gesinnung und ethischer Verantwortung einsetzt. An diesem Buch sollte
unsere heutige Jugenderziehung nicht vorübergehen. Oder der Theologieprofessor
Martin Rade, der in seiner Zeitschrift „Die Christliche Welt“ alle
Friedensbestrebungen aufmerksam verfolgte und eine ganze Reihe von Artikeln und
Aufsatzreihen über sie veröffentlichte. Auch amtliche Vertretungen der
deutschen evangelischen Kirche und zahlreiche führende kirchliche
Persönlichkeiten haben wiederholt nicht nur der Bereitwilligkeit, sondern der
selbstverständlichen Verpflichtung der Kirchen, an der Erhaltung des Friedens mitzuarbeiten,
ganz deutlich und unmißverständlich Ausdruck gegeben, so z. B. im vorigen Jahre
(1949) die Synode der EKD in Bethel mit einer Erklärung, in der es heißt: „Wir
brauchen einen Frieden, der uns die Möglichkeit gibt, in redlichem, gemeinsamem
Mühen unsere Nöte zu überwinden. „Wir rufen die Männer der Presse und des
Rundfunks auf, ihre Verantwortung für die Herstellung eines rechten Friedens ernst
zu nehmen. Wir bitten Eltern und Erzieher die Jugend das Übel des Krieges
erkennen zu lassen und sie den Segen des rechten Friedens sehen zu lehren.“
Auch
die Synode der EKD, die Ende April (1950) in Berlin getagt hat, zeigte in einer
umfassenden Botschaft auf, was die Kirche für den Frieden tun kann und zu tun
entschlossen ist. Besonders beachtlich ist, daß auch die Kirchlich-Theologische
Arbeitsgemeinschaft in Westdeutschland im Frühjahr d. J. erklärte: „Ein Krieg,
wie er auch ausgeht, würde keine Lösung der umstrittenen Probleme bedeuten.
Vernichtung und Opfer von unvorstellbarem Ausmaß werden in einem zukünftigen
Kriege auch den Sieger um jeden Gewinn bringen. Darum bitten wir die
Regierenden und die Glieder unseres Volkes, mögen sie parteipolitisch,
berufsständisch, gewerkschaftlich, kirchlich gebunden sein oder nicht: Tut
alles, was uns Deutschen heute möglich ist, um den Krieg zu verhindern. Lehnt
jede Aufforderung oder Erlaubnis zur Wiederaufrüstung ab, widersteht jeder
offenen oder geheimen Vorbereitung dazu!“ Und in der DDR ist ja in letzter Zeit
in den Zeitungen aller politischen Parteien eine ganze Reihe von Bekenntnissen
einzelner Pfarrer verschiedener Konfessionen zum Einsatz für den Frieden
veröffentlicht worden.
Auch
von solchen Menschen, die persönlich dem Christentum fernstehen, sollte diese
Mitarbeit der Kirche in der Friedensfront nicht unterschätzt werden. Die
besondere Bedeutung und Kraft der kirchlichen Mitarbeit in der Friedensfrage liegt,
wie mir scheint, gegenwärtig darin, daß die Kirche noch immer über die Trennung
Deutschlands hinweg nicht nur eine geistige Einheit geblieben ist, sondern – soweit
es die evangelische Kirche betrifft – sich auch nach 1945 wieder eine neue,
über die innerdeutsche Grenze hinwegreichende organisatorische Einheit
geschaffen hat. Hier ist also eine breite Front, die, wenn sie überall
energisch und zielbewußt für den Frieden eingesetzt wird, für die Verurteilung allen
Kriegstreibens eine beachtliche Hilfe leisten kann.
Aber
am wichtigsten erscheint mir, daß gerade das Christentum von seinen Bindungen
und sittlichen Verpflichtungen als letzte Ursachen des Krieges und die
Sinnlosigkeit und Verwerflichkeit alles kriegerischen Handelns und aller
Kriegsvorbereitungen ganz besonders deutlich aufzuweisen vermag. Es zeigt, daß
im letzten Grunde immer nur der Mensch für die Entstehung von Kriegen
verantwortlich ist, daß weder politische noch wirtschaftliche Spannungen
zwangsläufig zum Kriege führen müssen, sondern daß immer wieder zuletzt die
schuldhafte Willensrichtung und Willensentscheidung einzelner Menschen Kriege
ausgelöst hat. Und zwar sind es wie ein Blick in die Geschichte zeigt, vor
allem zwei solche schuldhaften Willensrichtungen gewesen, die die Menschheit in
Kriege hineingerissen haben: das grenzenlose egoistische Machtstreben,
Herrschsucht und Profitsucht sind, soweit wir sehen können, an allen großen
Kriegen vorn Altertum an bis in die Gegenwart hinein maßgebend beteiligt
gewesen. Aus dem Altertum hierfür zwei charakteristische Beispiele: die
Eroberungszüge Alexanders des Großen aus Machtstreben und die erbitterten
jahrelangen Punischen Kriege zwischen Rom und Karthago um die Seemacht im Mittelmeer
aus wirtschaftlichen Gründen.
Diesem
schrankenlosen Macht- und Gewinnstreben ist das Christentum immer wieder
entgegengetreten, wenigstens das echte Christentum. Es hat daran erinnert, daß
jede Überschreitung der den Menschen gesetzten Grenzen immer zu Katastrophen
führt. Es hat auch daran erinnert, daß aller Besitz des Menschen, sei es an
Macht, Geld oder Wissen, anvertrautes Gut ist das nicht für egoistische Zwecke eingesetzt
werden darf, sondern in den Dienst der Gesamtheit gestellt werden muß. Denn
dadurch versündigt sich alles egoistische Macht- und Gewinnstreben an der
Menschheit, daß es die Menschen rücksichtslos zu Mitteln für seine Zwecke macht
und nicht als Geschöpfe Gottes und gleichwertige Brüder achtet. Hierin liegt
die letzte Wurzel dafür, daß der Geist, der dem Menschen im Unterschied zu
allen Lebewesen verliehen ist, und die Erfindungen, die dieser Menschengeist in
neuester Zeit auf dem Gebiete des Flugwesens und der Atomforschung gemacht hat,
in einer aller Vernunft widersprechenden Weise von einzelnen Menschen nicht zum
Aufbau nicht zur Erleichterung der menschlichen Lebensbedingungen verwendet wurden,
sondern im Bomben- und Atomkrieg zur bedenkenlosen Vernichtung ungezählter
Menschenleben und menschlicher Kulturgüter eingesetzt worden sind und womöglich
in noch verstärktem Maße wieder eingesetzt werden sollen.
Demgegenüber ist es in der Gegenwart für das
Christentum und die Kirche die dringendste Aufgabe, immer wieder mit aller
Kraft an die allgemeine sittliche Verpflichtung und an die religiöse
Verantwortlichkeit für den Frieden der Welt zu appellieren.
Karl Kleinschmidt:
Wir wollen Vertrauen zur Friedensbewegung fassen!
Rede auf der Konferenz sächsischer
Friedenspfarrer in Dresden am 27. Juni 1950
Ich
habe dreierlei zu sagen. Erstens: Staat und Kirche sind getrennt, aber sie sind
millionenfach verbunden in Staatsbürgern, die Christen sind, in Christen, die
Staatsbürger sind. Staat und Kirche sind bürokratisch voneinander getrennt,
aber sie bleiben demokratisch verbunden. Das symbolisiert sich auch in der
Tatsache, daß wir hier als Diener der Kirche im Sächsischen Landtagsgebäude zusammensitzen
und daß der Landtagspräsident und der Ministerpräsident des Landes unter uns
sind, um nun demokratisch mit uns zu beraten über die besonderen Aufgaben, die
sich daraus ergeben, daß trotz aller Trennung zwischen Kirche und Staat wir doch
als Christen und Staatsbürger Kirche und Staat miteinander in unserer Arbeit
verbinden wollen und verbinden müssen. Das ist die geschichtliche Bedeutung
dieser Stunde, daß es zum erstenmal mit einer Symbolkraft und konkreten
Wirklichkeit sich hier ausdrückt, und ich möchte, daß wir den Eindruck von der
geschichtlichen Bedeutung dieses Zusammenseins heute mit in unsere Arbeit
nehmen. Ich halte diese Tatsache für außerordentlich zukunftsträchtig.
Das
Zweite, was ich zu sagen habe, bezieht sich auf die theologische Frage, was
denn nun eigentlich mit dem Frieden, von dem das Neue Testament und die
Bekenntnisse unserer Kirche sprechen, gemeint ist, und Sie werden es auch
selber wissen, daß es in den. theologischen Diskussionen immer wieder eine sehr
wesentliche Rolle spielt und daß immer wieder die Meinung auftritt, der Friede,
von dem das Neue Testament redet, das wäre doch eigentlich nur ein Friede der
Seele, der auch im Kriege möglich sei. Oder man hört von kirchlichen
Amtsträgern – wir haben es gerade wieder in Greifswald vom hannoverschen
Landesbischof Dr. Lilje gehört –, der Friede, um den es den Kirchen ginge, sei
der Friede zwischen den christlichen Konfessionen.
Wir
meinen, daß es sich dabei um den Frieden auf Erden, der den Krieg ausschließt,
um den Frieden zwischen den Völkern handelt.
Ich
bin zum zweiten Male in meinem Leben in diesem Hause. Das erstemal war es
unmittelbar nach meiner Rückkehr vom Weltfriedenskongreß in Paris zusammen mit
den übrigen deutschen Delegierten. In Paris auf dem Weltfriedenskongreß sind
Vertreter aller christlichen Konfessionen der verschiedensten Länder der Welt
versammelt gewesen. Dort war der Frieden der Konfessionen da, weil der Wille
zur Verwirklichung des Friedens auf Erden allen gemeinsam war. Wir erleben es
auch hier heute wieder, katholische Amtsbrüder sind unter uns. Was uns
miteinander verbindet und was den Frieden der Konfessionen verwirklicht das ist
die Tatsache, daß wir gemeinsam auf dem Boden der Weltfriedensbewegung stehen.
Dasselbe, was für den Frieden der Konfessionen gilt, das gilt auch für den
Frieden der Seele.
Ich
war jüngst in Mainz. Dort sagte ein Amtsbruder, daß das Christentum es nur mit
dem Frieden der Seele zu tun habe. Da erhob sich ein junger Mensch und sagte: „Ich
will Ihnen von dem Frieden der Seele erzählen, den ich mitten im Kriege
kennengelernt habe. Ich war Staffelkapitän in einer deutschen Bomberstaffel und
habe in dieser Eigenschaft 60 Feindeinsätze geflogen, davon vierzehn über der
englischen Stadt Coventry. Im tiefsten Seelenfrieden habe ich die Feindeinsätze
geflogen. Ich habe mir nicht das geringste dabei gedacht, als die ausgeklinkten
Bomben mit der größten Präzision in den Planquadraten Coventrys detonierten.
Ich hatte dann Urlaub und bin in meine Heimatstadt Ulm gefahren. Dort hatten
meine Kollegen von der Royal Air Force in der Nacht vorher einen Feindeinsatz
geflogen. Bis dahin hatte ich das nur von oben gesehen. Hier nun lagen die
toten Frauen und Kinder in scheußlichen Haufen verbrannt auf der Straße. Und da
war es mit dem Frieden meiner Seele vorbei. Da wußte ich: das hast du getan,
wenn auch nicht in Ulm so doch in Coventry und anderswo. Seitdem weiß ich, du
findest den Frieden nicht mehr, wenn du nicht alles tust, um zu verhindern daß
so etwas jemals wieder möglich wird. Ich finde den Frieden meiner Seele nicht
anders mehr als in dem unablässigen Kampf um die Verwirklichung des Friedens
auf Erden.“
Es
handelt sich nicht um ein theologisches Problem, ob der Frieden auf Erden oder
ob der Frieden der Seele gemeint ist. Es handelt sich um die konkrete und reale
Feststellung, daß es für einen Christen auch keinen Frieden der Seele mehr
gibt, wenn wir den Frieden auf Erden, den Frieden unter den Völkern nicht zu
verwirklichen vermögen.
Nun
zu dem Dritten, was ich sagen möchte: Es gibt zwischen der Arbeiterbewegung,
dem Hauptträger der Friedensbewegung in der ganzen Welt, und der Kirche Jesu
Christi eine Fülle bitteren Erlebens und bitterer Erinnerung. Das fängt mit dem
Bauernkrieg an, und seitdem haben die Mißverständnisse und dauernden Konflikte
miteinander kein Ende genommen. Das ist nicht mit ein paar schönen Reden aus
der Welt zu schaffen. Das kann nur ganz allmählich abgebaut werden, und es wird
ganz bestimmt nicht abgebaut, wenn wir nur mit Vorsicht und Mißtrauen uns
einander anzunähern versuchen, wenn wir auch gegenüber der Nationalen Front
oder der Weltfriedensbewegung immer wieder fragen: Ja, ist da nicht vielleicht
etwas anderes gemeint? oder: Finden wir da wirklich den Platz, der uns zukommt,
oder von dem wir meinen, daß er uns eigentlich zukommen müßte? Wir sind
ängstlich darauf bedacht und von der Sorge erfüllt, wie wir unsere Gemeinden
zusammenhalten und uns möglichst heraushalten aus allen Schwierigkeiten von
Pflichten und Gegensätzlichkeiten.
Liebe
Brüder! Das Christentum lebt nicht von der Sorge, es lebt von der Liebe. Das
Christentum lebt und nährt sich davon, daß es sich in der Liebe verschwendet.
Wir wollen ein herzhaftes Vertrauen zur Friedensbewegung fassen, zu der
Friedensbewegung, die bestimmt und getragen wird von den arbeitenden Menschen,
d. h. von Menschen, die von ihrer Arbeit leben. Was kann, wenn Menschen, die
von ihrer Arbeit leben, von nichts anderem leben wollen als von ihrer Arbeit,
eine Sache betreiben, was kann anderes herauskommen als Gutes? Was kann dabei
anderes herauskommen als der Friede? Wenn wir uns fragen, wer denn am Krieg
interessiert sein könnte, so ist klar, daß es bestimmt nicht die Menschen sind,
die von der Arbeit leben, bestimmt nicht die Staaten, in denen Menschen
bestimmen, die von friedlicher Arbeit leben.
Am Krieg ist nur der interessiert, der die
Arbeitskraft anderer Menschen ausbeuten und der andere Völker unterdrücken will.
Arbeiter sind es nicht. Und darum habe ich ein durch nichts zu erschütterndes
Zutrauen dazu, daß dort, wo die Arbeiter die tragenden Kräfte im politischen
Leben eines Volkes sind, der Friede gesichert ist und daß dort der Friede
redlich verteidigt wird. Einem solchen Staate, in dem die Arbeiter – selbst
wenn noch so viele Atheisten darunter sind – das Heft in der Hand haben, einem
solchen Staate vertraue ich auch gern meinen christlichen Glauben an soweit man
ihn den Staaten und Menschen und Regierungen anvertrauen kann.
Erklärung aller auf dem Ersten Kongreß der Deutschen Kämpfer für den
Frieden (Berlin, 4./5. 11. 1950) anwesenden evangelischen Geistlichen
I.
Der
kirchliche Widerstand gegen die zum zweiten Weltkrieg treibenden Kräfte ist für
immer mit den Namen Karl Barth und Martin Niemöller verbunden. Sie waren der
Geist und die Seele dieses Widerstandes und weckten das Gewissen der
evangelischen Kirche.
Martin
Niemöller hat seine Stimme wieder erhoben und vor der Remilitarisierung
Westdeutschlands gewarnt. Der Präses der Generalsynode der Evangelischen Kirche
in Deutschland hat sich dieser Warnung angeschlossen und den Kampf gegen die
Remilitarisierung Westdeutschlands aufgenommen, die Karl Barth als gegen die
Sowjetunion gerichtet charakterisiert hat.
Wir
auf dem Ersten Deutschen Friedenskongreß versammelten evangelischen Geistlichen
wissen uns durch die Friedensbotschaft Jesu Christi zu ernstlichem Widerstand
gegen die wachsende Kriegsgefahr berufen und bitten alle Christen in Deutschland
eindringlich, in dieser bedrohlichen Lage Ihre Christenpflicht zu bedenken.
II.
Die
Generalsynode der Evangelischen Kirche in Deutschland nennt in ihrer
Friedensbotschaft vom April 1950 Kriege „Gerichte Gottes“. „Kriege entstehen“,
so heißt es in dieser Botschaft, „nicht von selbst. Menschen sind es, die sie
beginnen weil sie nicht Gott die Ehre geben und weil sie sich gegen seine
Gebote auflehnen.“
Das
höchste Organ der Evangelischen Kirche in Deutschland hat damit zwei bedeutsame
Feststellungen getroffen:
Krieg
ist Menschenwerk und also durch Menschen zu verhindern.
Krieg
ist gegen das Gebot Gottes, die Verhinderung des Krieges also christliche Gehorsamspflicht.
Wie
können Kriege, die von Menschen begonnen werden und gegen Gottes Gebot sind,
zugleich Gerichte Gottes sein? Die Heilige Schrift antwortet darauf:
Was
der Mensch säet, das wird er ernten.“ –
Womit
der Mensch sündigt damit wird er gestraft.“ –
Wer
das Schwert nimmt, der soll durch das Schwert umkommen.“
Kriege
sind Gerichte über das Verhalten, aus dem sie entstehen. Kriege sind Gerichte
über die Unordnung, die sie gebiert. „Gott ist nicht ein Gott der Unordnung,
sondern des Friedens“ (1. Kor. 14,33). Gott ist wider die Unordnung
die Kriege entfesselt. Wer Frieden will – und Christen müssen ihn wollen –, muß
der Welt zu einer Ordnung helfen, in der Frieden möglich ist.
III.
Wir
stellen fest, daß ein Drittel unserer Konfirmanden ihre Väter im Kriege verloren
haben. Wir stellen fest, daß unzählige Ehen nicht zerrüttet und zerstört wären,
wenn sie der Krieg nicht zerrüttet und zerstört hätte. Wir stellen fest, daß 5
Millionen Frauen ehelos leben müssen, weil der Krieg ihnen Mann oder Verlobten
gestohlen hat. Wir stellen fest daß unsere kirchliche Jugendarbeit vergeblich
sein würde wenn unsere Jugend wieder zum Kriege verführt und im Kriege vernichtet
wird. Wir stellen fest, daß die Taufe von Kindern sinnlos wird, wenn wir sie
nicht vor der Gewalt lebenstörender Kräfte zu bewahren vermögen. Der Krieg ist
der Feind aller unserer kirchlichen Arbeit. Wir erklären ihm den Krieg. Die
Sklaverei ist gefallen, die Leibeigenschaft ist gefallen, die Hexenprozesse
sind nicht mehr auch der Krieg muß fallen und wird fallen.
IV.
Was
kann die Kirche für den Frieden tun?
Sie
fördert den Frieden, indem sie die, die noch an den Krieg glauben, zur Buße und
zur Besinnung ruft über das, was zu unserem Frieden dient.
Sie
fördert den Frieden, indem sie klar und eindeutig das Evangelium Jesu Christi
als Botschaft der Versöhnung des Friedens und der Brüderlichkeit verkündigt.
Sie
fördert den Frieden, indem sie fatalistische und neutralistische Auffassungen bekämpft,
die sich religiös begründen, ohne in der Heiligen Schrift begründet zu sein.
Sie
fördert den Frieden, indem sie ihre Glieder zu aktivem und ernstlichem
Eintreten für den Frieden anhält und anleitet.
Sie
fördert den Frieden, indem sie sich mit allen Kräften des Friedens gegen den
Krieg verbündet.
Die
Kirche ist berufen, der Welt um Jesu Christi willen zu verkünden:
„Friede
auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Dieser Botschaft glauben und sie
glaubwürdig verkündigen heißt im zwanzigsten Jahrhundert:
Kampf für den Frieden im Bunde mit allen, die guten
Willens sind!
Entschließung der auf dem 11. Weltfriedenskongreß in Warschau (16.-22. 11.
1950) anwesenden 71 Geistlichen verschiedener christlicher Konfessionen
Der
christliche Glaube und der Kampf für den Frieden sind unteilbar. Die Einheit
aller Menschen im gemeinsamen Frieden ist ein Ziel, welches nur mit dem
Christentum selbst preisgegeben werden kann. Der Frieden ist für uns mehr als
nur eine Frage der Tagespolitik. Er ist von grundlegender Bedeutung für das
Gewissen aller Christen.
Doch
was finden wir heute in der Welt? Sie ist nicht nur gespalten, nicht nur auf
dem Wege zum dritten Weltkrieg, nicht nur im Begriff, teuflischere Waffen zu
produzieren, sondern diese Spaltung und diese Satanie finden sogar innerhalb
der christlichen Kirche Unterstützung. Das Evangelium selbst wird benutzt, die
Spaltung der Welt zu rechtfertigen, ja es wird sogar gegen ganze Nationen und
Völker gepredigt. Die Unvermeidlichkeit des Krieges und nicht die Notwendigkeit
des Friedens wird proklamiert. Das beunruhigendste Symptom dafür ist, daß weite
Kreise, die es noch wagen, sich christlich zu nennen, sich weigern, die
geplante Anwendung der Atombombe und anderer Massenvernichtungswaffen zu
ächten.
Wir
verurteilen diese Stellungnahme als einen Verrat am Evangelium und als
Mißbrauch der Kirchen im Interesse gewisser Regierungen. Der Versuch, das
gegenwärtige Problem der gespaltenen Welt durch Vertiefung der Spaltung bis hin
zum Krieg zu lösen, steht im direkten Widerspruch zum christlichen Gewissen.
Alle Christen müssen sich vereinigen, um zu erklären, daß der Krieg, der heute
zwischen Ost und West geführt werden soll, der unsittlichste der Weltgeschichte
wäre. Wir werden ohne Vorbehalt gegen seine Förderung kämpfen.
Heute
kann die christliche Kirche nur christlich bleiben, wenn sie entschlossen ist,
keinerlei Kriegspropaganda zu dulden, wenn sie die Welt mit der schreienden
Ungerechtigkeit und der scheußlichen Barbarei des geplanten Krieges, der an
einigen Orten der Erde bereits begonnen hat, konfrontiert, wenn sie alle ihre
Kraft darauf vereinigt, die sofortige Abschaffung aller
Massenvernichtungswaffen und die sofortige Inangriffnahme einer allgemeinen
Abrüstung zu erzwingen.
Für
die Christenheit ist die Stunde gekommen, der Herausforderung ihres Gewissens
zu begegnen. In seinem Herzen weiß jeder Christ, daß er die Kriegspropaganda
nicht dulden kann. Kein Christ kann dem Kriege dienen und sich zugleich einen
Nachfolger des Friedensfürsten nennen.
Der
Entscheidung kann niemand ausweichen. Die Stunde ist gekommen, daß alle
Christen sich einreihen sollten in die wachsende Weltbewegung, die, allen
zugut, den Frieden fordert.
„Selig sind, die den Frieden stiften, denn sie werden
das Erdreich besitzen.“ (Matth.5, 9)