Walter Bredendiek
(1960)
abgeschrieben und mit
Fußnoten versehen von Hans-Otto Bredendiek (Juni 2006)
Über die Geschichte Gramzows zu sprechen ist aus
verschiedenen Gründen nicht ganz leicht. Der Ort besaß im Mittelalter zweifellos
eine größerer Bedeutung, aber die Quellenlage für diese Zeit ist so ungünstig,
daß man keine fortlaufende Reihe von Belegen hat, an die man sich bei der
Darstellung halten könnte, sondern nur Einzelnachrichten, die miteinander zu
verbinden oft recht kompliziert ist. Manche Angaben in den Quellen des 13. bis
15. Jahrhunderts widersprechen einander und wie von der einst imponierenden, die
umliegende Landschaft beherrschenden Klosterkirche heute nur noch die Ruine
vorhanden ist, so auch von dem früher vermutlich reiches Material bergenden
Klosterarchiv nur noch beklagenswerte Reste. Sie befanden sich vor dem Kriege im
Geheimen Staatsarchiv Berlin, im Staatsarchiv Stettin und im Stadtarchiv
Prenzlau.
Seit 1945 ist die Aufgabe für den Ortshistoriker noch
schwieriger geworden. Die Bestände des Staatsarchivs in Stettin wurden durch
Kriegseinwirkungen teils vernichtet, teils in alle Winde zerstreut. Ähnlich –
wenn auch nicht ganz so betrüblich – verhält es sich mit den Urkunden und Akten,
die bis 1945 im ehemaligen Geheimen Staatsarchiv lagerten (von ihnen wurde
jedoch einiges für die Geschichte Gramzows wertvolle Material gerettet), es
befindet sich heute teils im Zentralarchiv der DDR[1] in Merseburg, teils in Potsdam).
Und schließlich ist das Prenzlauer Stadtarchiv,
das bedeutendste Stadtarchiv der ehemaligen Mark Brandenburg, dessen Bestände
vor 1945 nach Goslar ausgelagert wurden, auch heute, mehr als 15 Jahre nach dem
Kriege, noch nicht wieder benutzbar.Wer
über die Geschichte Gramzows arbeitet, ist also weitgehend auf gedruckte Quellen
und auf die vor 1945 entstandene Sekundärliteratur angewiesen.
Wenn auch keine, alle wesentlichen Gesichtspunkte
berücksichtigende geschlossene Darstellung der Kloster- und Ortsgeschichte
existiert, so gibt es doch einige wesentliche Bausteine dazu.
Als wichtige Literatur wäre zu nennen: der Artikel Gramzow von
Paul Eichholz und Otto Korn in
den „Kunstdenkmälern des Kreises Angermünde“ (Berlin 1931) S. 269 ff.; Gustav
Bischoff: Kloster Gramzow (Prenzlau 1910); ders.: Kloster Gramzow (in
„Angermünder Heimatblätter“, 4. Jahrgang1925, Nr. 30, 32, 34, 38, 40, 42);
ders.: Kloster Gramzow (im Heimatkalender für den Kreis Angermünde 1926, S.
82-86). Für die Gründungsgeschichte des Klosters ist wichtig F. Winter: Die
Prämonstratenser des 12. Jahrhunderts und ihre Bedeutung für das nordöstliche
Deutschland (Berlin 1865), S. 210 ff. Wertvolle Einzelangaben enthalten Riedel:
Klöster und Klosterruinen in der Kurmark Brandenburg außerhalb der Altmark,
Märk. Forsch. I (1841), S. 165 ff. Gramzow: S. 197 f; Berghaus: Landbuch der
Mark Brandenburg II (1855), S. 307 ff.; E. Fedecin: Die Territorien der Mark
Brandenburg IV (1864), S. 211 f.; Hoowege: Die Stifter und Klöster der Provinz
Brandenburg, II (Stettin 1925); Carl Nagel: Die Dorfkirchen der Uckermark, Diss.
Greifswald (Prenzlau 1914); Rudolf Ohle: Die Besiedlung der Uckermark und die
Geschichte ihrer Dorfkirchen (in: Mitt. UMGV, V, 2; Prenzlau 1913); de la
Pierre: Ausführliche Geschichte der Ukermark (Prenzlau 1847), Das Kloster zu
Gramzow, S. 391 ff.

Als „Dorf mit einer Kirche“ wird Gramzow zum erstenmal in
einer Bestätigungsurkunde des Bischofs Konrad I. von Cammin (Pomm. UB I 48/49)
für das Kloster Grobe (das spätere Pudagla) auf der Insel Usedom erwähnt, die
zwar 1168 datiert ist, aber in das Jahr 1178 gehört.
Grobe wurde damals als Besitz bestätigt „in provincia quoque Ucra villa Gramsowe
cumm ecclesia et omnibus terminis ad ipsam villam quaquaversum pertinentibus“.
Es ist dies die älteste Erwähnung einer uckermärkischen Landkirche überhaupt.
Das Datum der Urkunde sagt aber nichts über das tatsächliche Alter des Ortes
aus. Wenn 1178 bereits eine Kirche bestand, hat sich am Ort selbst sicher
bereits schon 10 Jahre mindestens eine Missionarstation befunden.
Erfahrungsgemäß wurden solche Stützpunkte der Mission im ostelbischen Gebiet
meist dort errichtet, wo sich Zentren des slawischen Volks- und Wirtschaftsleben
befanden. Scherbenfunde lassen die Vermutung zu, daß die Gegend um Gramzow
vielleicht sogar schon vor Beginn der Völkerwanderung besiedelt war. Das möge
dahingestellt bleiben. Sehr wahrscheinlich aber ist die bereits von Berghaus
(II, 308) ausgesprochene Vermutung richtig, daß die Missionskirche am Ort einer
alten slawischen Opferstätte errichtet wurde. Die Deutung des Namens Gramzow
stützt diese Annahme. Die überzeugendste Ableitung ist die von dem slawischen
Wortstamm c h r a m, die Bezeichnung für einen der Gottesverehrung geweihten
Platz.
Alle sonst angebotenen Etymologien – etwa die Ableitung von grom (Donner) und
gram (spielen), auch die Kombination mit dem polnischen grzaski (morastig), ganz
zu schweigen von dem phantastischen Versuch, den Riehl und Scheu in „Berlin und
die Mark Brandenburg“ unternahmen, die grams-au als „Grenzauge“ deuten – haben
etwas Gewaltsames und Gekünsteltes.
Ich halte es für sicher, daß der Ort als Siedlung bereits
lange vor der Christianisierung der Uckermark bestanden hat. Allerdings ist mir
die in der Literatur bisher allgemein vertretene These, daß die 1178 erwähnte
Kirche nichts als ein Missionsstützpunkt gewesen sei, doch fraglich. Ein fester
Kirchenbau läßt natürlich auch die Annahme zu, daß das Gebiet bereits etwas
gründlicher christianisiert worden war. Hinzu kommt, daß der Kirchenturm sehr
massiv befestigt wurde, so daß er durchaus auch Verteidigungszwecken dienen
könnte. Man kann sich davon noch heute überzeugen. Während nämlich die Kirche im
Dreißigjährigen Kriege zerstört wurde, blieb der Turm erhalten, er stammt noch
aus der Zeit vor 1178. Zum besseren Verständnis dieser Fragen dürfte eine kurze
Bemerkung zur allgemeinen Situation der Uckermark im 12. Jahrhundert,
insbesondere zu ihrer Stellung als Grenzland zwischen Pommern und Brandenburg,
beitragen.
Seit 1107 gehörte die Uckermark zu Pommern. Die sogenannte
deutsche Ostkolonisation war damals bereits über die Elbe bis nach Havelberg und
Brandenburg vorgetragen worden. Magdeburg und Havelberg waren die Bistümer und
weit im Osten hatte das Christentum durch die Errichtung des Erzbistums Gnesen
bereits 100 Jahre vorher Fuß gefaßt. 1124 unternahm Otto von Bamberg seine erste
Missionsreise nach Pommern, die trotz einiger Resonanz in Stettin und Demmin
alles in allem doch ein Mißerfolg wurde. Ganz anders die zweite Missionsreise
von 1128, die eine durchgreifende Christianisierung Pommerns einleitete. Es ist
hier nicht der Ort, im einzelnen auf die Gründe für diesen raschen Wandel
einzugehen. Christianisierung eines osteuropäischen Landes im Mittelalter
bedeutete zunächst meist nicht viel mehr, als das die Fürsten und der
einheimische Adel sich taufen ließen, weil sie den Anschluß an den
germanisch-romanischen Rechts- und Kulturkreis suchten, vor allem um als
Völkerrechtssubjekt anerkannt zu werden und um die von ihnen beherrschten
Gebiete aus dem Status des Eroberungsobjekts und des Niemandslandes
herauszuheben. Die „Christianisierung“ des Volkes war danach dann kaum noch viel
mehr als ein Verwaltungsakt.
Für die pommerschen Herzöge war es im 12. Jahrhundert nun
aber zu einer Frage von Leben und Tod geworden, Anschluß an die christlichen
Staaten West- und Osteuropas zu gewinnen, wenn sie nicht – von beiden in die
Zange genommen – das Schicksal der westslawischen Stämme zwischen Elbe und Oder
erleiden wollten, die mit wildem Kreuzzugsfanatismus bekämpft worden waren. So
schwur denn auch Herzog Ratibor 1149 in Havelberg, nicht nur selbst dem
Christentum treu zu bleiben, sondern auch mit allen Kräften für seine
Ausbreitung zu sorgen. Dieses Versprechen konnte lediglich in dem im Südwesten
an Pommern angrenzenden Gebiet erfüllt werden, das damals noch eine
nichtchristliche Enklave bildete.
Bereits kurz nach 1150 wurde das Kloster Grobe gegründet, das
erste oder zweite Kloster in Pommern überhaupt. Es wurde zunächst mit Mönchen
aus Berge bei Magdeburg besetzt. Aber die von ihm aus betriebene Mission geriet
bald ins Stocken. Die pommerschen Herzöge hatten sich mehr zugemutet, als sie
angesichts ihrer äußerst prekären innen- und außenpolitischen Situation zu
leisten vermochten. Die Mönche scheinen Grobe bald wieder verlassen zu haben,
denn 1177 kam es zu einer förmlichen Neugründung. Damals dürfte auch Gramzow dem
Klosterbesitz von Grobe zugeschlagen worden sein. Jetzt wird das Kloster von
Havelberg aus besetzt, wo sich seit 1144 ein Prämonstratenserstift befand. In
einer neuerlichen Bestätigung des Grobeschen Besitzes durch Papst Alexander III.
aus dem Jahre 1179 erschein Gramzow nicht mehr. Es ist sehr wahrscheinlich, daß
es inzwischen selbst zu einem Kloster erhoben worden war. Die Gründung erfolgte
vermutlich 1178/79, auf jeden Fall zwischen 1178 und 1187, da alle
zeitgenössischen und späteren Urkunden darin übereinstimmen, daß das Kloster in
Gramzow von Herzog Bogislaw I. gestiftet worden ist.
Aber auch hier lief die Entwicklung zunächst nicht viel
anders als 30 Jahre zuvor in Grobe: Auch hier bedeutete die Stiftung des
Klosters noch nicht, daß nun gleich seine Errichtung erfolgen konnte. Grobe
sollte das neugegründete Filialkloster in Gramzow mit Mönchen besetzen, war aber
noch viel zu ungefestigt, um so bald nach seiner eigenen Neugründung Mönche
abgeben zu können. So scheiterte der Versuch, Ende des 12. Jahrhunderts, in
Gramzow ein Kloster neu zu errichten. Danach scheint das ganze Projekt noch
einmal für etwa 25 Jahre liegengeblieben zu sein. Jedenfalls sorgte erst 1216
Bogislaw II., der Sohn und Nachfolger des Stifters, für die definitive Besetzung
des Klosters Gramzow mit Mönchen. Sie kamen aus Jerichow, das sehr viel eher in
der Lage war, Mönche an eine Neugründung zu überweisen, als das immer schwach
gebliebene Grobe.
Wenn von Klöstern des Mittelalters die Rede ist, denkt man
dabei unwillkürlich zunächst an die berühmten französischen und italienischen
west- und südwestdeutschen Abteien etwa an Cluny, Montecassino oder St. Gallen
mit ihrer großartigen Geistlichkeit und ihrer kaum zu überschätzenden
kulturellen Ausstrahlungs- und Prägekraft. Von solchen Vorstellungen muß man
sich bei den Klöstern des ostdeutschen Kolonisationsgebietes frei machen. Mag
sich auch in ihnen der eine oder andere Mann befunden haben, der gelehrt und
gebildet war, die Masse der Mönche war es zweifellos nicht. Diese Mönche
gehörten nicht zu den Trägern und Bewahrern intellektueller Werte, die – wie man
auch über die zahlreichen Bilderstürme zwischen 800 und 1200 denken mag – in
West- und Südeuropa eine bestimmte Mittlerrolle zwischen der antiken Hochkultur
des mittelalterlichen Europas spielten. Die Mönche in Ostdeutschland waren
Bauern und Handwerker, Kolonisatoren im eigentlichen Sinne des Wortes. Und wenn
sie es nicht waren, so wurden sie es, mußten es werden. Sie hatten es mit den
einfachen Menschen des Volkes zu tun, nicht mit Eliten. Das ist in keiner Weise
abwertend gemeint, im Gegenteil: Die volkspädagogische Funktion die den Klöstern
in Ostdeutschland zufiel, war aufs ganze gesehen ebenso bedeutsam wie das, was
in den Klosterschulen gedacht und geschrieben wurde.
Die typischen Mönchsorden der ostdeutschen
Kolonisationsgebiete waren die Prämonstratenser und die Zisterzienser. Gramzow
ist die Gründung der Prämonstratenser. Der Orden war 1120 durch Norbert, einen
Sohn des Grafen Herbert von Gennep, gegründet worden. Norbert war ein recht
weltlicher Hofkaplan Kaiser Heinrich VII. gewesen, die Legende berichtet, daß er
nach einer wunderbaren Rettung aus Todesgefahr auf seine reichen Einkünfte
verzichtete und als Bußprediger in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden
umherzuziehen begann. Im Walde bei Concy in Frankreich, (in der Nähe von Lacon)
sammelte er seine Schüler auf einer ihm im Traum gezeigten Wiese, pratum
monstratum. Davon ist der Name des
von Norbert gegründeten Klosters – Prémontré – abgeleitet. Es wurde nach der
Regel der Augustiner eingerichtet, doch erhielt diese einige Abweichungen und
Verschärfungen. In Deutschland wurden die Prämonstratenser besonders von den
Kaisern und Fürsten gefördert, die eine expansive Politik gegenüber dem
slawischen Osten verfolgten, so von Lothar von Supplinburg und Albrecht dem
Bären. (Albrechts 3. Sohn Siegfried trat selbst in den Prämonstratenserorden
ein, er wurde später Bischof von Brandenburg und Erzbischof von Bremen.) Aber
auch diejenigen slawischen Fürsten, die sich selbst aktiv an der Germanisierung
ihrer Länder beteiligten, unter ihnen befanden sich die pommerschen Herzöge,
waren sehr an Prämonstratensern interessiert. Sie brachten aus Westeuropa
rationellere Ackerbaumethoden mit, hatten Erfahrung bei der Kultivierung von
waldreichen und sumpfigen Gebieten und zeichneten sich vor allem durch eine sehr
straffe Arbeitsdisziplin aus: das Sprechen bei der Arbeit war entweder völlig
verboten oder auf ein Minimum beschränkt.
Nach der Neubesetzung des Kloster Gramzow durch Bogislaw II.
dauerte es nun zehn Jahre, bis die Klosterkirche 1235 als Granitbau errichtet
war. Die Backsteinkirche, von der heute noch die Ruine zeugt, wurde erst
zwischen 1355 und 1365 gebaut. In Norddeutschland war der Übergang vom starren
Granitbau zu der viel ausdrucksfähigeren Backsteintechnik im größerem Umfang
Ende des 13. Jahrhunderts eingeleitet worden. Kurz nach 1300 stellte sich
Prenzlau mit der Marienkirche an die Spitze dieser Bewegung und so wie dort ein
älterer Granitbau der großartigen Backsteinkirche weichen mußte, so wurde auch
in Gramzow der Granitbau abgerissen und eine Backsteinkirche errichtet.
Das Kloster Gramzow begann sich in der Zeit zu festigen und
zu entwickeln, als langwierige kriegerische Auseinandersetzungen zwischen
Brandenburg und Pommern um den Besitz der Uckermark ihren Anfang nahmen. Während
dieser Kämpfe lavierten die Mönche – geschickt und nicht ohne Erfolg – zwischen
den streitenden Parteien. Ohne die bestehenden Verbindungen zu den
Greifenherzögen abzubrechen, bahnten die Gramzower Pröpste bereits wenige Jahre
nach der Errichtung des Klosters vorsichtig Beziehungen zu den brandenburgischen
Herrschern an. 1245 begaben sie sich unter den Schutz der Markgrafen Johann I.
und Otto III. von Brandenburg und übertrugen ihnen die Vogtei (advocatia) ihres
Klosters.
Die am 7. Januar 1245 in Liebenwalde ausgestellte Urkunde
enthält einige recht aufschlußreiche Bemerkungen über die damalige Situation des
Klosters und der umliegenden Gebiete. Gramzow sei „in der größten Einöde“
angelegt und mit viel Mühe und Arbeit errichtet und ausgebaut worden. In der
jüngsten Vergangenheit aber seien der Ort und das Kloster „von Gottlosen und
Räubern ebenso wie die ganze Landschaft durch Raub“ zerstört worden. Die Mönche
seien nicht in der Lage dagegen Widerstand zu leisten zumal – das ist eine
besonders interessante Bemerkung – ihre „Freunde selbst zu Feinden geworden“
wären. (Auf wen sich das bezieht, ist nicht klar, möglicherweise auf die
pommerschen Adligen.) „Niedergeschlagen in ihrem Gemüte“ wüßten sie daher keinen
anderen, der ihnen helfen und sie gegen ihre Feinde schützen könnte, als die
Markgrafen Johann und Otto. Die Markgrafen sicherten diesen Schutz zu.
Aber auch nach dieser Annäherung an Brandenburg blieben die
Beziehungen freundlich. Noch 1289 gewährten die Herzöge Gramzow Steuer- und
Zollfreiheit und bestätigten ihm seinen großen pommerschen Besitz.
Über die Besitzgeschichte selbst sind die Nachrichten
lückenhaft, es steht aber so viel fest, daß schon in den ersten Jahrzehnten
seines Bestehens das Kloster beträchtliche Liegenschaften und Rechte in Pommern
besaß. Aus späteren Bestätigungsurkunden, die Bogislaw IV., Barnim II. und Otto
I. ausstellten, ergibt sich, daß bereits im 13. und 14. Jahrhundert die Dörfer
Radewitz, Grünz, Blumberg, Scherpingsdorf und halb Petershagen im Kreise Randow
Klosterbesitz waren, im Kreise Pyritz die Dörfer Loist, Beyersdorf und
Marienwerder. Später wurde der große pommersche Besitz, der 1524 noch eine
letzte Generalbestätigung erhielt, weiter verlehnt (u.a. an die v. d.
Schulenburg-Löcknitz, v. Sydow-Blumberg und an die Stadt Pyritz), während der
brandenburgische Besitz des Klosters in eigener Regie bewirtschaftet wurde. Zur
Reformationszeit bestand dieser Besitz in der unmittelbaren Umgebung des
Klosters aus einem geschlossenen Gebiet, da Gramzow, Briest, Fredersdorf,
Meichow, Melzow, sowie Teile von Lützlow und Weselitz umfaßte. Im Osten schloß
sich unmittelbar der pommersche Besitz jenseits der Randow an (Blumberg), doch
blieb dieser immer unter der Oberlehnsherrschaft der Stettiner Herzöge, so daß
er nach der Aufhebung des Klosters nicht an Brandenburg sondern an Pommern
fiel.
Das berühmte Landbuch Kaiser Karls IV. (1375), diese
einzigartige Quelle für die Geschichte der Mark Brandenburg im Mittelalter,
enthält leider keine den Ort Gramzow betreffende Angaben – etwa über
Besitzverhältnisse, Hufenanzahl, Einkünfte usw. – , konnte sie nicht enthalten, denn
zwischen 1354 und 1447 (1468) gehörte das Kloster mit „syme gantzen eygen“ noch
einmal auch staatsrechtlich zu Pommern. In dieser Zeit war Gramzow als Grenzort
– anders als die 100 Jahre zuvor – häufig Kampfgebiet und hatte schwer zu
leiden. Durch den Vertrag von Mühlhausen (1447) wurde Ort und Kloster dem
Kurfürsten Friedrich v. Hohenzollern zugesprochen, aber erst 1468 kehrten sie
tatsächlich unter die brandenburgische Botmäßigkeit zurück; das Kloster huldigte
dem Kurfürsten ein Jahr später.
Seiner geistlichen Stellung nach gehörte Kloster Gramzow
formal zwar zur Diözese des Bischofs von Cammin, doch unterhielt es dorthin
keine sehr engen Beziehungen, wenn es natürlich auch zu den üblichen Abgaben –
Bischofszehnt, Hufengeld und Prokuration – verpflichtet war. Viel stärker war
von Anfang an die Verbindung zu den leitenden Instanzen des
Prämonstratenserordens. Für alle Klöster des Ordens bildete zwar der Probst des
Klosters Prémontré, der den Titel General führte, zusammen mit drei anderen
französischen Pröpsten den hohen Rat der Väter des Ordens. Aber infolge der
Erhebung Norberts zum Erzbischof von Magdeburg gewann die sächsische
Prämonstratenserprovinz, zu der Gramzow gehörte, frühzeitig eine
Ausnahmestellung und machte sich in der Folgezeit nicht nur faktisch sondern
auch juristisch vom Ordensgeneral im Prémontré unabhängig. 1295 erklärte sich
die Magdeburger Provinz des Prämonstratenserordens, zu der 16 Klöster gehörten,
für exemt. Dieser Schritt wurde durch ein päpstliches Privileg bestätigt und die
Provinz der Kurie unmittelbar unterstellt. Der Grund für diesen Beschluß war
einleuchtend und vernünftig: das Abhängigkeitsverhältnis der märkischen und
pommerschen Klöster von Prémontré und Magdeburg hatten viele Streitigkeiten mit
den Bischöfen verursacht, in deren Stiftssprengel die Klöster sich befanden.
Durch die päpstliche Entscheidung waren die Zuständigkeiten nun klar. Während
zunächst die Pröpste sämtlicher Prämonstratenserklöster Europas alle drei Jahre
zum Generalkapitel nach Prémontré zu reisen hatten, wurde diese Bestimmung 1240
dahingehend geändert, daß von sämtlichen Pröpsten des Magdeburger Bezirks immer
nur einer die umständliche und schwierige Reise zu machen brauchte. Nach 1295
wurde dann in Magdeburg selbst alle drei Jahre Generalkapitel abgehalten, auf
dem Gramzow Sitz und Stimme hatte.
Es ist wohl unbestreitbar, daß Gramzow von den
uckermärkischen Klöstern das angesehenste und mächtigste war, wenn natürlich
auch die Begriffe „Macht“ und „Ansehen“ relativ und unter Berücksichtigung der
gesamten ostdeutschen Situation zu verstehen sind. Beginnend im 14., verstärkt
dann im 15. Jahrhundert wurden den Pröpsten des Klosters wichtige Schlichtungs-
und Verwaltungsfunktionen übertragen, sei es direkt vom Papst, sei es von den
Bischöfen von Cammin und den Erzbischöfen von Magdeburg. Beispielsweise
beauftragte der Papst 1448 den Propst Johann mit der Bestätigung des
Elisabeth-Hospitals zu Prenzlau, 1439 betätigte sich der gleiche Propst im
Auftrage des Baseler Konzils als Richter in einer komplizierten Streitsache
zwischen einem Prenzlauer Bürger und dem Rat der Stadt. Mehrfach traten
Gramzower Pröpste als Schützer anderer Klöster und als Schiedsrichter auf. Im
Jahre 1399 soll der Papst dem Kloster Gramzow ein Konversatorium, eine Akademie
für kunstreichen Kirchengesang „geschenkt“ haben (Riehl/Scheu, S. 286), doch ist
diese Nachricht urkundlich nicht zu belegen. Fest steht aber, daß das Kloster
ein Siechenhaus besaß, für das 1490 eine Stiftung gemacht wurde.
Das Kloster war der Maria und dem Apostel und Evangelisten
Johannes geweiht, das Konventssiegel zeigt eine thronende Maria mit dem Kinde.
Auf dem besternten Hintergrund schwebt zu ihrer Rechten ihr Symbol, die
Mondsichel, zu ihrer Linken der Kopf eines Adlers mit Nimbus, das Symbol des
Johannes. (Das seit 1941 in Gebrauch befindliche Gramzower Kirchensiegel ist
eine Nachbildung dieses alten Konventsiegels.)
Über die innere Verfassung des Klosters gibt es nur sehr
spärliche Nachrichten. An seiner Spitze stand – wie in allen
Prämonstratenserklöstern – ein Propst; dem Gramzower Propst war ein Prior
zugeteilt, beide wurden vom Konvent gewählt. Die anderen Klöster der Mark
zuweilen nachweisbare Praxis, daß sich der Stifter des Klosters die Besetzung
mit einem Propst aus seiner Familie oder aus seinen Familiennachkommen
vorbehielt, wurde in Gramzow nicht angewandt. Auch über die ständische
Gliederung der Angehörigen des Konvents ist nichts Näheres bekannt. Mit
Familiennamen kennen wir nur vier Pröpste: Johannes Westfal (1468/69), Petrus Woldenberch (1495), Andreas Hake (Hack) (1498/1517) und Johannes Loytze (Lotzen) (1530/36). Loytze
war der letzte Propst von Gramzow, er blieb katholisch und starb 1540.
Ob in Gramzow, wie in anderen Prämonstratenserklöstern,
anfangs ein Doppelkonvent aus Mönchen und Nonnen bestanden hat, läßt sich, da
jede urkundliche Nachricht darüber fehlt, nicht mit letzter Sicherheit
entscheiden, ist aber wahrscheinlich: einmal war dies die allgemein übliche
Praxis, zum anderen läßt die Nähe des Klosters Seehausen den Schluß zu, daß von
diesem der später abgesonderte Frauenkonvent aufgenommen worden ist.
Mit der Festigung des Klosters ging die Entwicklung des Ortes
Gramzow Hand in Hand. Die Besiedlung vollzog sich so, wie das in der Uckermark
auch sonst geschah. Über diese Probleme unterrichtet die gründliche Arbeit von
Kurt Bruns-Wüstenfeld: „Die Uckermark in slawischer Zeit, ihre Kolonisation und
Germanisierung“ (Arbeiten UMGV, Heft 5, Prenzlau 1919). Die
Kolonisationsbewegung ereichte die Uckermark erst in den dreißiger Jahren des
13. Jahrhunderts, infolge des schwer passierbaren Sumpf- und Waldgürtels im
Westen und Süden erheblich später als andere Teile der Mark Brandenburg. Bis
dahin war die Uckermark ein rein slawisches Land. Die deutschen Siedler, die im
Klosteramtsbereich Gramzow die slawischen Einwohner wohl mehr unterwanderten und
assimilierten als verdrängten, dürften in der Hauptsache aus Flandern, Seeland
und dem nordwestdeutschen Raum gekommen sein, aus Niedersachsen und vor allem
wohl aus Schleswig-Holstein das seit der großen Sturmflutkatastrophe von 1164,
jahrzehntelang Siedler für die ostelbischen Gebiete stellte.
Diese Siedler wurden zu einem sehr günstigen Recht angesetzt.
Sie waren persönlich frei und nur dem Landesherrn gegenüber zu sachlichen und
persönlichen Dienstleistungen verpflichtet. (Die sachlichen Leistungen bestanden
in der Entrichtung von Pacht und Abgaben für die Überlassung des Hofes, die
persönlichen u.a. in Vorspanndiensten während des Krieges und bei Reisen
landesherrlicher Beamter, in Spanndiensten beim Bau von Burgen, Wegen und
Brücken.) Die Bauern konnten nur von Richtern ihres eigenen Standes abgeurteilt
werden. Die Höfe waren in der Regel eine Hufe (zwischen 30 und 60 Morgen) groß,
in keinem Falle größer als zwei Hufen. Sie waren freies Erbe, das vom Vater auf
den Sohn überging und auch verkauft werden konnte. Da an ihnen jedoch ein
Obereigentum des Landesherren bestand, durften die Höfe nicht belastet und auch
nicht geteilt werden. Doch konnte der Bauer sein „Gut auf den Zaun stecken“ auch
wenn der Herr den Hof nicht annehmen wollte und mit seiner beweglichen Habe
seinen bisherigen Wohnort verlassen. Daß dieses sehr weitgehende Recht bestand,
ergibt sich einwandfrei aus einer Entscheidung des Landgerichts in Prenzlau vom
Jahre 1383.
Unter den Bauern dürften Deutsche und Slawen gewesen sein,
jedenfalls in einigen Teilen der Uckermark und ganz sicher im Bereich des
Klosters Gramzow. Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts erscheinen slawische Namen
nicht nur unter den Kossäten, sondern auch unter den Bauern in Gramzow, z.B.
1592 Chun Hundertmargk unter den Bauern, die Familien Dames, Völtzke, Bagemeil, Priedack, und Gutzsche unter den
Kossäten. Die Kossäten waren wohl fast durchweg Nachkommen der Wenden. Ihr
Rechtsstatus war wesentlich ungünstiger als der der Bauern. Sie waren unfrei und
durften der Hof nur verlassen, wenn Sie einen Ersatzmann stellten. Sie hatten
die Nutzung einiger Ackerstücke, die sie ohne Gespann bearbeiteten. Sie waren,
wenn man so will, das ländliche Proletariat im frühen Mittelalter.
Das war – sehr grob und schematisch dargestellt – der
ursprüngliche Zustand. Er wurde dadurch kompliziert und bald auch verändert, daß
in den meisten Dörfern neben Bauern und Kossäten auch ein oder mehrere Ritter
wohnten. Ursprünglich war der Ritterhof nicht viel größer als ein Bauernhof,
auch die Lebenshaltung der Bauern und der Ritter wich wenig voneinander ab. Da
der Ritter jedoch durch seine Verpflichtung Lehnspferde zu stellen, bei den
ständigen Kriegen im 14. und 15. Jahrhundert zu einer unentbehrlichen Stütze der
Fürsten wurde, erhöhte sich nicht nur sein soziales Prestige, sondern bildete
sich auch ein starkes wirtschaftliches Übergewicht heraus. Um seine Kriege und
die immer kostspieliger werdenden Hofhaltung finanzieren zu können, verpfändete
der Landesherr die ihm zustehenden bäuerlichen Abgaben an wohlhabende Ritter.
Später brachten diese auch staatshoheitliche Rechte – etwa die Gerichtsbarkeit
und Polizeigewalt – in ihre Hand. Daraus entwickelte sich die Anschauung und
bald auch das Gewohnheitsrecht, daß der Ritter der eigentliche Grundherr sei,
dem der Bauer von Rechts wegen Dienste und Abgaben zu leisten habe. Die Kriege
und große Seuchen ließen auch in der Uckermark weite Landstriche veröden, die
wüsten Höfe schlugen die Ritter ihren eigenen Hufen zu. Bald gingen sie auch zum
systematischen Bauernlegen über, wodurch ihre wirtschaftliche Machtstellung noch
weiter gefestigt wurde.
Dieser Prozeß begann bald nach der Kolonisation, bereits
Anfang des 15. Jahrhunderts waren große Gutsflächen entstanden. Um deren
Bewirtschaftung zu gewährleisten, wurden die Rechte der Bauern wesentlich
beschränkt: ihre Freizügigkeit wurde aufgehoben, Frondienste erzwungen, die
Schollengebundenheit setzte sich durch, bald waren auch Heiratsgenehmigungen des
Ritters erforderlich. So waren der freie Bauer zum schollengebundenen, dem
Gutsherrn erbuntertänigen Hintersassen, der einst freie Bauernhof zu einem
Bestandteil des Rittergutes und der Gutsherr selbst zum Obereigentümer des
Bauernlandes geworden. In der Mitte des 16. Jahrhunderts war dieser Prozeß
abgeschlossen, damals sprach der brandenburgische Kanzler Diestelmayer in der
von ihm ausgearbeiteten Landesordnung bereits davon, daß der märkische Bauer nur
lassitischen Besitz habe. Zwar bestand wohl kaum irgendwo wirkliche
Leibeigenschaft (die durch die Gebundenheit des Bauern an die Person des Herrn
und durch die Unfähigkeit gekennzeichnet ist, bewegliches und unbewegliches
Vermögen zu erwerben), doch kam die Abhängigkeit der uckermärkischen Bauern
stark an die Leibeigenschaft heran.
Das alles hatte nicht nur wirtschaftliche Konsequenzen,
sondern auch eine Veränderung der bäuerlichen Mentalität zur Folge. Durch die
sich ständig verschärfende Ausbeutung bildeten sich jene Züge im Charakterbild
des Bauern heraus, die in vielen Liedern, Schwänken und Fastnachtspielen des
ausgehenden Mittelalters und der beginnenden Neuzeit dem Spott aller anderen
Volksschichten preisgegeben wurden. Aber: der Bauer mußte roh, ungeschliffen und
verschlagen werden, wenn er die auf ihm lastende Bedrückung wenigstens ab und an
einmal sozusagen unterlaufen wollte.
Diese Entwicklung war für alle Teile der Uckermark typisch,
allerdings nicht für die Dörfer, die Klosterbesitz waren, also auch nicht für
das Klosteramt Gramzow. Zwar verschlechterte sich die Rechtslage der Bauern in
den 300 Jahren zwischen Gründung und der Aufhebung des Klosters auch hier, doch
ist diese Rechtsminderung überhaupt nicht mit dem zu vergleichen, was sich in
derselben Zeit in den Dörfern mit Rittersitzen abspielte. Das bekannte Wort
„Unter dem Krummstab ist gut wohnen“, dieser Stoßseufzer der Erleichterung jener
Bauern, die nicht von den Rittern abhängig waren, ist wohlbegründet und läßt
sich auch auf den bäuerlichen Lebenszuschnitt im Gebiet des Klosters Gramzow
anwenden.
Über die Wirtschaft des Klosters gibt es keine Quellen aus
der Zeit vor seiner Aufhebung. Das Erbregister von 1592, eine der wichtigsten
Quellen zur Geschichte Gramzows (ehem. GStA. Pr. Br., Rep. 2,1. Dom. Reg. Amt
Gramzow, Fach IV, Nr. 1), gibt aber wohl im wesentlichen den Zustand an, der
auch vor der Reformation bestand. In den zum Kloster gehörenden Dörfer und Höfen
wurden 280 Stück Rindvieh, 2200 Schafe, 10 Schock Schweine und Geflügel nach
Bedarf gehalten. Neben dem üblichen Getreide wurden Erbsen, Lein, Hanf und
Buchweizen angebaut. Dem Amt gehörten zwei Mühlen, die Rode- (heute Rote) und
die Passower Mühle, 15 Seen und Waldungen, der Zehnebeck östlich und der
Ratzeburg westlich vom Kloster, die Melzowsche Heide und die Rodeberge bei der
Rodemühle.
Zum Amt gehörten 66 Bauern und 52 Kossäten, von ihnen wohnten
in Gramzow 15 Bauern und 15 Kossäten, in Meichow 14 (und 13), in Briest 18 (und
6), in Fredersdorf 11 (und 6), in Melzow 3 (und 10), in Lützlow 4 (und 2) und in
Grünz ein Bauer. Die Geldeinnahmen des Amtes betrugen jährlich 267 Taler, 14
Silbergroschen und 10 ½ Pfennige an stehenden Zinsen, ferner erhielt es 15
Tonnen Krugbier, den Fleischzehnt und einige anderer Naturalpacht.
Im letzten Jahrhundert vor der Reformation war auch im
Gramzower Kloster ein Verfall der ursprünglich strengen Ordenszucht der
Prämonstratenser unverkennbar. Die Pröpste führten sich z.T. wie Raubritter auf,
brachen Fehden vom Zaun (u.a. mit der Stadt Prenzlau), wurden gefangen genommen,
in „hölzerne und eiserne Banden“ gelegt – kurzum, es bot sich in dieser Zeit ein
wenig erfreuliches Bild. Die Kolonisation war beendet, die Abgaben der Bauern
ermöglichten den Mönchen ein wenn auch nicht gerade üppiges, so doch gut
auskömmliches Leben, andererseits waren die Voraussetzungen für eine
schöpferische wissenschaftliche Arbeit in diesem Teile Deutschlands sehr
ungünstig. Alles dies führte zu starken inneren Auflösungserscheinungen. Wer im
12. und 13. Jahrhundert in den Prämonstratenserorden eintrat, hatte weder Ruhm
noch Ehre, weder Muße noch auch nur eine leidlich gesicherte Existenz zu
erwarten, sondern nur harte Arbeit, eiserne Disziplin und häufig genug den Tod
von der Hand derer, die sich der deutschen Expansion widersetzten. Man mußte
fest an die Sache glauben, in deren Dienst man sein Leben stellt, um das alles
auf sich zu nehmen. Im 15. und 16. Jahrhundert dagegen waren die Klöster auch in
der Mark Brandenburg weithin zu Versorgungsinstituten geworden, die für
dynamische und aktive Naturen nichts Anziehendes mehr hatten, dafür aber immer
häufiger zweifelhaften Existenzen Unterschlupf und ein recht gutes Leben ohne
viel Anstrengung boten.
In den Städten wurde die Aufhebung der Klöster durch die
protestantischen Landesfürsten lebhaft begrüßt, die Reaktion in den ländlichen
Gebieten, also auch in der Uckermark, dürfte wesentlich anders gewesen sein. Ob
die Mönche zuchtvoll lebten oder nicht, war den Bauern ziemlich gleichgültig.
Sie hatten ständig das Schicksal ihrer Klassengenossen in den Gutsdörfern vor
Augen und konnten damit ihre eigene, bessere Situation vergleichen. Sie mußten
fürchten, daß, gingen die Mönche, sie auf einen ähnlichen Status absinken
würden, wie es der der „adligen“ Bauern war.
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Wie dem auch gewesen sein möge: Im Jahre 1539 wurde Kurfürst
Joachim II. lutherisch, die Hoffnung, sich den reichen Besitz der märkischen
Klöster aneignen zu können, hat diesen Entschluß zweifellos erheblich gefördert.
Damit war die Reformation in der Mark Brandenburg endgültig durchgesetzt. Schon
1536 hatte der Kurfürst den Landvogt der Uckermark, Hans v. Arnim, beauftragt,
das Gramzower Klostergut aufzunehmen. Arnim stellte den Besitz des Klosters an
den Kostbarkeiten fest (u.a. wertvolle Kannen, Kreuze und Weihrauchgefäße, 10
vergoldete Kelche, 3 silberne Kelche und ein silbernes Marienbild) und bereitete
alles zur Beschlagnahme vor. Am 1. Weihnachtstage des Jahres 1537 wurde Hans v.
Arnim zum Hauptmann der Klostergüter bestellt. Die Mönche, die nicht auswandern
oder protestantisch werden wollten, durften den Rest ihres Lebens im Kloster
verbringen. Allerdings machten von dieser Möglichkeit nur wenige Gebrauch, die
meisten scheinen evangelische Pfarrer geworden zu sein.
1564 trat an Arnims stelle Georg v. Lindstedt, 1580 war Hans
v. Thermo Hauptmann, 1581-1621 Bernd v. Arnim. Dieser legte 1592 das bereits
erwähnte Erbregister der Klosterämter Gramzow und Seehausen an, die damals
zu e i n e m kurfürstlichen Amte
zusammengelegt wurden (Seehausen ist 1664 wieder abgetrennt und dem
Joachimsthalschen Gymnasium als Schulamt überwiesen worden). Die Amtszeit Bernd
v. Arnims führte nun bereits an den Dreißigjährigen Krieg heran, der für die
weitere Geschichte Gramzows nicht weniger einschneidend war als die Reformation.
Er hatte für die ganze Uckermark furchtbare Folgen. Einiges über seinen Verlauf
und über seine katastrophalen Auswirkungen habe ich an anderer Stelle gesagt (W.
Bredendiek: „Der Dreißigjährige Krieg in der Uckermark“; in: Heimatkalender 1959
für den Kreis Prenzlau, S. 40 ff.), ich will das hier im einzelnen nicht
wiederholen.
Nach dem Kriege waren die Äcker mit Unkraut oder „Tanger“
bewachsen. Die Häuser waren zerstört, die Menschen, soweit sie nicht erschlagen
oder verhungert waren, in die wenigstens einigen Schutz bietenden Städte oder in
Wälder und unzugängliche Brüche oder gar in ferne Gegenden geflohen. Die
Neubesiedlung ging nur sehr langsam voran. Die fast 35 Jahre nach Kriegsende
aufgestellten Küchen- und Kellerrechnungen des Amtes Gramzow von 1681/82
verzeichneten in Gramzow noch immer nur 8 zu Abgaben herangezogene Höfe
gegenüber 22 wüsten, obwohl Kurfürst Friedrich Wilhelm bereits kurz nach 1650
versucht hatte, die zum Amt Gramzow gehörenden Dörfer mit Niederländern,
Nordwestdeutschen und Dänen zu besiedeln. Durch einen Kontrakt vom 18. November
1650 waren die Domänenämter Gramzow und Seehausen an den Holländer Arnoldus
Rejnerts verpachtet worden mit der ausdrücklichen Weisung, auf ihnen
Niederländer anzusetzen, denen sechs Freijahre zugesichert wurden. Zur Erfüllung
dieses Auftrags verband sich Rejnerts mit Reinhard Couvmann. Beide fuhren im Februar 1651 nach Holland, um
Familien „zur Agrikultur und Handlungen und andere Hantierung“ anzuwerben. Noch
im gleichen Jahr konnten sie 200 Personen nach Gramzow schicken, die auf die
Amtsdörfer verteilt wurden, wo sie einfache Wohnung, Anspannung, Zuchtvieh,
Brot- und Saatkorn erhielten.
Aber es entstanden bald Unzuträglichkeiten zwischen den meist
reformierten Zugewanderten und den lutherischen Eingesessenen. Rejnerts
versuchte möglichst viele lutherische Pfarrer durch reformierte zu ersetzen.
Diese sollten von ihm besoldet werden, während er die Liegenschaften der
Kirchgemeinden einziehen und die mit ihnen verbundenen Einkünfte und Abgaben für
sich verwenden wollte. Das Rejnerts bei dem Versuch, diese Pläne durchzusetzen,
auch vor massivem Druck nicht zurückschreckte, ergibt sich aus einer Beschwerde
vom 12. April 1652, in der es heißt, daß den alten märkischen Untertanen
allerlei Lästiges zugefügt werde, „so daß viele ins exilium“ gingen. Kurz darauf
machte ein Befehl des Kurfürsten den Streitereien ein Ende. Die zuvor von beiden
Parteien zur Sache abgegebenen Erklärungen sind auch ortsgeschichtlich
interessant. Rejnerts vertrat im Februar die Auffassung, daß, „weil die ganzen
Ämter so wenig alte Untertanen“ hätten, sie sich mit einem lutherischen Pfarrer
begnügen könnten. Dem hielten die Pastoren entgegen, daß zur Zeit der
Ausfertigung des Pachtvertrages für Rejnerts, also 1650, in den Ämtern Gramzow
und Seehausen 525 lutherische Holsteiner seien, die in ihrer alten Heimat durch
Wasserfluten alles verloren hätten.
Wenn auch einige niederdeutsche und holländische Familien
(u.a. die die Familien Dahn, Bunge und Draht) in Dörfern des Amtes Gramzow
seßhaft wurden, so war das Siedlungsunternehmen aufs ganze gesehen doch ein
ähnlicher Fehlschlag wie der etwa gleichzeitig unternommene Versuch, das Amt
Chorin mit Niederländern neu zu besetzen. Jedenfalls wurden Rejnerts und
Couvmann bald wieder vom Kurfürsten entlassen.
In den Jahren 1685 bis 1691 entstanden die sogenannten
„französischen Kolonien“ in der Uckermark. Damit begann ein neuer Abschnitt in
der Reorganisation des durch den brandenburgisch-schwedischen Krieg von 1674/75
erneut schwer verwüsteten Landes. An die Stelle fragwürdiger, von Abenteurern
und Hochstaplern durchgeführter Experimente, trat nun eine energisch, großzügig
und zielstrebig betriebene Kolonisation auf langer Sicht. Mag man über die
Gründe, die Friedrich Wilhelm zur Aufnahme der Hugenotten, Wallonen und Pfälzer
in Brandenburg bewogen haben, denken wie man will, mag man den Einfluß der
Refugiés auf die ökonomische und geistige Entwicklung der Mark Brandenburg auch
erheblich nüchterner einschätzen als die Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts es
taten – das Urteil Helmut Erbes besteht dennoch zu Recht: Durch die Refugiés
erhielt die Uckermark „weithin ein anderes Gesicht“. Erst mit ihrer Hilfe
konnten die tiefen Wunden geheilt werden, die die vorangegangenen Kriege dem
Lande geschlagen hatten.
Das Amt Gramzow gehörte zu den Schwerpunkten dieser Siedlung.
Den alteingesessenen Uckermärkern erschienen die „Franzosen“ zwar als ein
einheitliches Gebilde, als ein Fremdkörper. Tatsächlich aber waren sie ein
buntes Gemisch verschiedener Volksstämme. Im Amt Gramzow waren 1699 72
Refugiéfamilien mit 327 Personen angesiedelt (R. Béringuier: Die Colonieliste
von 1699, Berlin 1888, S. 90 ff.), davon ziemlich genau die Hälfte (37
Familien/166 Personen) in Gramzow selbst, der Rest in Fredersdorf (10/42),
Meichow (18/92) und Briest (7/27). Von den Gramzower „Franzosen“ kam keine
Familie aus den eigentlichen französischen Kernlanden, sondern entweder aus
Grenzgebieten wie dem Raum Metz-Sedan (1) und der Picardie (1), dem erst seit
100 Jahren von England zurückeroberten ‚pays reconquis’, der Gegend um Calais
(1) oder aus der Schweiz (4), Holland (1), ja, vier Familien stammten aus Hessen
(1) und der Pfalz (3), von denen zwei bestimmt deutsch waren. Die Masse der
Emigranten, die in Gramzow Fuß faßten – 25 Familien mit 107 Köpfen – kam aus dem
Hennegau (heute bekannt als Zentrum der belgischen Kohlenindustrie), dem Gebiet
um Mons und Wasmes. Über die Geschichte der Refugiés in Deutschland gibt es eine
umfangreiche Literatur.
Die grundlegenden Werke sind
sämtlich nachgewiesen in der ausgezeichneten Bibliographie von Friedrich Wilhelm
Hussong: Literatur und Quellen zur Geschichte der Hugenotten und Refugiés (in:
Der deutsche Hugenott, 6. Jg., Berlin 1935). Weit verbreitet – und obwohl
wissenschaftlich inzwischen überholt immer noch für eine erste Orientierung
nützlich – ist E. Muret: Geschichte der Französischen Kolonie in
Brandenburg-Preußen (Berlin 1885); gründlich gearbeitet, bedauerlicherweise aber
in den Verallgemeinerungen sich mit allerlei konfusen Theoremen der
faschistischen Geschichtsphilosophie identifizierend ist Helmut Erbe: Die
Hugenotten in Deutschland (Essen 1937).Von den Spezialuntersuchungen
zur Geschichte der „französischen“ Siedlungen in der Uckermark ist von
besonderem Wert die Arbeit von Margarete Pick: Die französischen Kolonien in der
Uckermark (Arbeiten UMGV, Heft 13; Prenzlau 1935).
Die Entwicklung der Gramzower Refugiégemeinde ist in
vielerlei Hinsicht hoch interessant, sie auch nur oberflächlich darzustellen
würde jedoch den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Den „Franzosen“ wurde für ihren
Gottesdienst die Klosterkirche zur Verfügung gestellt, die – im Gegensatz zur
Pfarrkirche – den Dreißigjährigen Krieg ohne größere Schäden überstanden hatte.
Als Beckmann kurz nach 1700 seine berühmte Materialsammlung zur
brandenburgischen Geschichte anlegte, erhielt er über den Zustand der
Klosterkirche einen recht instruktiven Bericht: „Die Klosterkirche ist ein
schönes hohes und breites Gebäude und noch in gutem Dach, auch vollkommen
gewölbt, ruht auf zehn Pfeilern, die an dem Chor und Turm mitgerechnet. Inwendig
herum sind annoch die Bilder der zwölf Apostel… Die Eingangspforte ist schön und
hoch mit allerhand gebrochenen Steinen gezieret, so aber nun gemächlich
eingehet. Die sechs mittelsten Pfeiler sein mit allerhand rot, gelb, blau und
weiß angestrichen gewesen. Die Fenster sein ziemlich hoch, aber nur nordwärts…
In dem Chor ist der Altar mit daran stehenden alten Bildern noch erhalten… In
der Halle zur rechten Hand stehen über dem Eingange zur Kirche drei Bischöfe in
pontificalibus und Bischofsstäben. Bei dem ersteren steht: Dns. Segewinus
Episcopus Caminensis, bei dem mittelsten: Dns. Hermanus Eps. Cam., bei dem
dritten: Dns. Wilhelmus Eps. Cam.“
Das wurde 1709 geschrieben, fünf Jahre später war von der
Klosterkirche nur noch eine Ruine vorhanden. Am 23. Juli 1714 vernichtete ein
unerhört heftiger Brand alle Kloster-, Wirtschafts- und Wohngebäude bis auf
diesen Rest der Kirche. Der damals in Gramzow amtierende Superintendent Johann
Friedrich Grust (1713 – 1720) hat diese Feuersbrunst in dem unmittelbar danach
von ihm angelegten Kirchenbuch – es ist heute das älteste der Gramzower Gemeinde
– eingehend beschrieben. Das Feuer brach an einem Sonntag (9. n. Trin.),
nachmittags 2 Uhr aus, im Hause des am Markt wohnenden Pfälzers Hans Schäffer,
„und zwar, wie einige wollen, vom Tabakrauchen, andere aber vom Backen und
Brauen, so vorigen Tages geschehen, und welches eine Entzündung in dem qualmigen
Holze im Schornstein verursacht, so andern Tages durch den starken Wind
aufgeblasen worden.“ Eben dieser Wind auch wurde dem Ort zum Verhängnis, zumal
es wochenlang nicht geregnet hatte. Das Feuer verbreitete sich so rasend, daß
zwei Frauen, ein Mann und ein Kind in den Flammen umkamen, einige andere
Personen erlitten so schwerer Brandverletzungen, daß sie wenige Tage später
starben. Außer allen Gebäuden auf dem Klosterberg, dem reformierten und dem
lutherischen Pfarrhaus brannten 26 Wohnhäuser völlig nieder. Die Pfarrkirche
„war in solcher Gefahr, daß bereits eine Tür brannte, auch ein Fenster ganz
durchs Feuer ruiniert wurde, aber doch von der Hand des Herrn erhalten
blieb.“
Die Erinnerung an den großen Brand von 1714 hat sich in
Gramzow über 250 Jahre von Generation zu Generation erhalten. Auch wer sonst nur
sehr unklare Kenntnisse von der Geschichte des Klosters und des Ortes hat, weiß
manche Einzelheit von dieser Katastrophe. Eine Katastrophe war es in der Tat.
Wohl wurden die Wohnhäuser wieder aufgebaut, die Amtsgebäude, wenn auch an
anderer Stelle neu errichtet, aber die geschichtliche Kontinuität, die über die
Reformation hinweg erhalten geblieben war, zerriß nun, da ihr Symbol zerstört
war. Die „Klosterzeit“ wurde zu einem Mythos, fast zu einem Märchen. Sie war
weder Mythos noch Märchen, sondern ein Stück brandenburgischer Landesgeschichte,
deren Kenntnis lohnt, Widerspiegelung und Niederschlag der Hoffnungen, Kämpfe
und Leiden von einfachen Menschen, von denen die Geschichtsbücher nicht
berichten und die es doch sind, die alle Geschichte machen.
Nach 1714 wurden andere Faktoren für die Geschichte Gramzows
bestimmend, aber da sie in anderem gesellschaftlichen und geistesgeschichtlichen
Zusammenhängen stehen, möge von ihnen auch ein andermal die Rede sein.